Wachstum und Veränderung - Teil 2 - "Fehler sind gut"



Wie lernen wir gehen?


Wir lernen gehen, indem wir hinfallen. Irgendwann fallen wir weniger und weniger und können uns länger und stabiler aufrecht halten.


Der Körper lernt durch das Probieren und Hinfallen Stück für Stück was er braucht, um sich im Gleichgewicht zu halten. Man könnte so weit gehen zu behaupten, die Fehler sind die eigentliche Lernerfahrung.


Versuche ich ein Kind konsequent vor dem Hinfallen zu beschützen, verhindere ich damit offensichtlich die Lernerfahrung. Das Kind kann kein Vertrauen in seine eigenen Erfahrungen finden? Es bekommt kein Selbstvertrauen darin, daß es aus sich heraus lernen und sich entwickeln kann. Wiederholt sich diese Erfahrung, bleibt mangelndes Selbstvertrauen Teil meiner Persönlichkeit und ich bleibe abhängig von anderen. Ich traue mich dann nicht alleine in neue Welten, denn ich bin gewohnt, daß es jemand anderer besser weiß für mich.


Ich brauche als Kind Menschen, die mir etwas zutrauen, sonst lerne ich nicht, mir selbst etwas zuzutrauen.


Mut machen zur eigenen Erfahrung


Was passiert hingegen, wenn ich beim Gehen lernen den Willen meines Kindes sehe, gehen zu wollen, seine Freude und Neugier und den Stolz ein paar Schritte zu schaffen? Wenn ich mich mit ihm über die kleinen Erfolge freuen kann und ihm Mut mache weiter Erfahrungen zu machen. Immer in dem Wissen, daß ich dabei gut auf das Kind schaue. Daß ich die Bedingungen so gestalte, daß es sich beim Fallen nicht verletzt - in dem Wissen, daß das Fallen zum Lernen gehört.


Wer lernt, muss Fehler machen


Nur wenn ich das mache, was ich immer mache, begehe ich keine Fehler. Aber ich lerne dann auch nichts. In gewisser Weise kann man sagen, je mehr Fehler ich mache, desto mehr lerne ich.


Steve Jobs hat von sich gesagt, er hat mehr Fehler gemacht, als irgendwer, den er kennt. Aber dadurch hat er unheimlich viel gelernt.


So betrachtet müßte ich mich also über meine Fehler freuen.


Doch leider leben wir in einer ganz anderen Fehlerkultur.


Fehler zu machen wird mit zunehmendem Alter in Erziehung und Schulzeit mit immer mehr Wertung und Urteil belegt. So lerne ich vor Fehlern Angst zu haben. Es ist peinlich, Fehler zu machen. Ich setze mich dem Urteil anderer aus. Ich mache es nicht "richtig", ich mache es "falsch". Ich beginne mich zu schämen, wenn ich Fehler mache oder etwas nicht kann, was ich aber auch nie gelernt habe.


In dieser Haltung versuche dann Fehler zu vermeiden. Damit bin ich nicht mehr angreifbar.


Wertung und Urteil


Da ich die Urteile und Wertungen anderer in mir übernehme, traue ich mir oft nichts mehr zu und schrecke vor Veränderungs- und Wachstumserfahrungen zurück. Etwas nicht gleich zu können ist dann schnell mit Frust und Scham verbunden - mit Stress und Druck, den ich mir selber mache - weil ich den Druck von außen kenne und ihm nicht mehr ausgeliefert sein möchte.


So beschließe ich das Baumklettern gar nicht mehr zu auszuprobieren - und lerne es auch nicht.


So rauben mir Urteil und Wertung nicht nur Selbstvertrauen und Selbstwert, sie verhindern die Lernerfahrung. Und das wiederum füttert mein ohnehin schon erschüttertes Selbstvertrauen.


Was ich dabei aus den Augen verliere: Ich kann kein guter Kletterer werden, wenn ich es nicht ausprobiere und Fehler mache. Mein Körper kann nicht lernen, was es zum Klettern braucht und wie ich beim Klettern zu Sicherheit komme.


Ich kann Dinge also nur aus einem Grund nicht: "Ich habe zu wenige Fehler gemacht."

Also konnte ich nicht lernen.


Laut Thomas Alva Edison gibt es kein Scheitern. Über 10.000 Versuche mit verschiedenen Materialien für den Glühfaden der Glühbirne hat Thomas Alva Edison gemacht. Dann hat er das richtige Material gefunden und über den Prozess gesagt: "Ich bin nie gescheitert, ich habe nur 10.000 Wege gefunden, die nicht funktioniert haben."


In dieser Haltung ist Lernen möglich. Wenn ich lerne, den Fehler, wie auch die Angst (Teil 1 dieser Serie) als Helfer zu erkennen.


Angst vor dem Scheitern


Die Angst vor dem Scheitern macht eng, bringt mich schnell an die Grenze zum Aufgeben. In der Angst davor Fehler zu machen, werte ich mich selbst als nicht gut genug, bevor ich mich wirklich vertieft auf die Erfahrung eingelassen habe.


Diese Angst vor Kritik, Urteil und Wertung berührt uns nicht nur persönlich. Sie kann auch die Innovationskraft und Kreativität ganzer Konzerne lähmen.


Wenn Konzerne verlernen neugierig und spielerisch an Neues heranzugehen und Fehler nicht willkommen heißen, bricht Innovation ab und das Fundament ganzer Firmen wird untergraben.


Wer macht hier die meisten Fehler?


General Electric war so ein Konzern. In den 80er Jahren war General Electric einer der größten Mischkonzerne der USA - mit Produkten in unglaublich vielen Gebieten. Aber überall war Sand im Getriebe. Die Konkurrenz hatte auf einmal die besseren Produkte und die Firma hat Marktanteile verloren.


Jack Walsh, ein neuer Manager wurde eingestellt. In der ersten Woche wollte er wissen, welche Mitarbeiter in der Firma die meisten Fehler machen.


Eine Woche später hat er genau diese Leute befördert und hat ihnen eine Gehaltserhöhung gegeben. Mit der einfachen Begründung, daß sie offensichtlich Dinge ausprobieren und wagen, die neues Territorium sind. Mit dieser Aktion war innerhalb kürzester Zeit eine ganze Firmenkultur auf den Kopf gestellt.


Auf einmal konnte man bei General Motors stolz auf seine Fehler sein. Je mehr, desto besser. Und innerhalb kürzester Zeit war der Konzern wieder innovativ und hat Marktanteile zurückgeholt.


Gleichzeitig war eine Athmosphäre von Kontrolle und Perfektionismus aus der Firmenphilosophie gestrichen. Kreativität, Spontaneität und Intuition wurden belebt und Angst reduziert.


Ich bin für meine Haltung verantwortlich


Jeder hat seine ganz persönliche Geschichte mit Urteil und Wertung. Und diese Geschichte prägt, wie offen ich auf Lernerfahrungen zugehen kann.


Was auch immer meine Geschichte ist, als erwachsener Mensch kann ich meine Haltung reflektieren und lernen Veränderung und Wachstum aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen.


Wie gehe ich bei mir selbst mit Fehlern um und wie bei anderen? Bei meinen Freunden, bei meinem Partner, bei meinen Kindern. Tut mir meine Haltung gut?


Die Grundhaltung der Achtsamkeit beinhaltet, dass ich lerne mir selbst ohne Urteil und Wertung zu begegnen. Dazu gehört, daß ich mir Fehler erlaube. Daß sie sein dürfen, ohne daß ich deswegen über mich urteile.


Wenn das gelingt, kann ich frei atmen und mit Freude lernen.

Übung


Die heutige Übung besteht darin, zu reflektieren, wie die Beziehung zu Fehlern in meinem Leben meine Lernerfahrungen geprägt hat.


Hat mein Bild von Fehlern Veränderung und Wachstum befördert, oder hat mich mein Blick auf Fehler klein gehalten und Wachstum verhindert?


Nehm dir eine Lernerfahrung aus der Vergangenheit und schau genau, wie sich die Sache vielleicht entwickelt hätte, wenn du Fehler als gut und wertvoll gesehen hättest.


Schau dann auf eine aktuelle Lern-und Veränderungserfahrung, die du vor dir siehst und erkunde, wie ein anderer Blick auf Fehler den Ausblick verändert.


Was würdest du tun, wenn die Anzahl der Fehler nur das Maß des Lernens widerspiegeln?


Wie würdest du an die neue Herausforderung herangehen?



Der dritte Teil dieser Serie folgt nächste Woche. "Teil 3 - Schritt für Schritt"