Selbstfürsorge ist nicht Egoismus

So wie Pflanzen Wasser brauchen, um gut gedeihen zu können, brauchen wir auch Dinge, damit es uns gut geht. Uns diese Dinge selber zukommen zu lassen ist, ist kein Egoismus. Es ist ein Ausdruck von Selbstliebe.

Selbstfürsorge ist kein Egoismus I Achtsamkeit Blog

Selbstfürsorge und Egoismus werden oft verwechselt. Dabei haben sie aus meiner Sicht nichts miteinander zu tun.


Denn Egoismus heißt, ich mache alles so wie ich will und wie es den anderen damit geht, ist mir egal. Diese Haltung ist sozusagen das Gegenteil von Achtsamkeit.


In der Achtsamkeit nehme ich meine Bedürfnisse "genauso" wichtig wie die meines Gegenübers. Nicht wichtiger und auch nicht weniger wichtig. So führt die Haltung der Achtsamkeit in gute Beziehungserfahrungen, ohne daß ich mich unterordne und meine Bedürfnisse verrate und ohne daß ich versuche, sie auf Kosten anderer durchzusetzen.


Was ist also Selbstfürsorge?


Selbstfürsorge heißt ganz einfach, daß ich lerne bewusst darauf zu achten, was mir guttut und es dann auch zu tun.


Wenn ich das tue, hat das nicht nur eine gute Wirkung auf mich, sondern auf alle anderen auch. Denn ich begegne der Welt anders, wenn es mir gut geht. Wozu das führt, ist an einem ganz einfachen Beispiel nachvollziehbar:


Stell dir vor, du erlebst am Morgen etwas sehr Verbindendes, Herzliches. Etwas, was dir richtig guttut. Was macht das mit deinem Lebensgefühl? In welche Stimmung kommst du? Gehst du dann vielleicht mit einem Lächeln vor die Tür?


Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß du entspannt und gut gelaunt in den Tag gehst. Und interessanterweise begegnen dir an einem solchen Tag immer so viele gut gelaunte und herzliche Menschen.


Woran liegt das?


Spiegelneuronen und Resonanz


Da wir soziale Wesen sind, ist jede Begegnung durch Resonanz geprägt. Viel mehr als durch das, was gesprochen wird. Ich fühle den anderen Menschen und die Energie, die er ausstrahlt.


Durch sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn wird bei mir automatisch das Gefühl aktiviert, in dem mein Gegenüber ist. So reagiere ich immer mitfühlend. Das ist eine biologische Prägung, der ich mich nicht entziehen kann.


Begegnet mir also jemand, der gute Laune hat, komme ich automatisch auch in dieses Gefühl. Gute Laune wirkt ansteckend, das kennt jeder. Ich empfinde die Begegnung dann automatisch als angenehm und verbindend.


Was passiert aber, wenn ich morgens schon in Stress, Druck und Konflikt versinke. Dann gehe ich schon gereizt und missmutig aus dem Haus. Und auf einmal tauchen von überall Menschen auf, die anstrengend und unangenehm sind. Die netten Leute von gestern, die sind auf einmal alle weg.


Auf diese Weise erzeugen wir durch die Gefühle, in denen wir sind unsere Realitätserfahrung. Wenn ich in Konfliktgefühlen bin, kommt mein Gegenüber durch das Mitfühlen auch sofort in diese Gefühle und empfindet das als Grenzverletzung. In dem Moment, wo die Grenze meines Gegenübers verletzt ist, weil er mein Gefühl nicht in sich spüren möchte, werden die Spiegelneurone abgeschalten. Ab da kann mein Gegenüber auf mich nicht mehr mitfühlend reagieren.


Schon ist der offene Konflikt da. Herzlichkeit und gegenseitiges Verstehen wird durch Vorwurf, Wertung und Urteil ersetzt und beide versuchen die Begegnung möglichst schnell zu beenden.


Was tut mir gut, tut auch anderen gut


Die Frage, was mir guttut und was mich nährt, kriegt vor diesem Hintergrund also eine ganz neue Bedeutung. Wenn ich darauf achte, was mir guttut und wo es mir gut geht und diese Aspekte ganz aktiv in mein Leben einlade, komme ich mit mir in Einklang.


Diesen Einklang strahle ich aus und das prägt alle meine Beziehungserfahrungen. So sind alle Beziehungen im Außen nur ein Spiegel der Beziehung zu mir selbst.


Zu schauen, daß es mir gut geht ist also die größte Ressource für gelingende Beziehungen mit anderen.


Der Einklang mit mir selbst zeigt sich durch Entspannung, Leichtigkeit und Lebensfreude. Ich werde offen, flexibel, fühle mich sicher. Ich bekomme echtes Selbstbewusstsein, wenn ich bewusst danach handle, was mir guttut.


Kämpfe ich gegen Stress, Druck und Konflikte an, werden sie nur verstärkt. Die Achtsamkeit lenkt den Fokus in die entgegengesetzte Richtung. Die Achtsamkeit geht ganz aktiv auf die Dinge zu, die mir guttun.


Kann ich mich mit diesen Dingen gut verbinden, finde ich in ein inneres Gleichgewicht und es gibt automatisch weniger Stress und Druck in meinem Leben. Wie wir im Beispiel mit den Begegnungen gesehen haben, tue ich mit diesem Fokus nicht nur mir etwas Gutes. Alle Beziehungen, die ich habe, profitieren davon.


Egoismus trennt Beziehungen.


Selbstfürsorge verbindet mich mit mir "und" mit anderen.

Übung


Selbstfürsorge ist für sich gesehen ein großes und vielfältiges Thema in der Achtsamkeit. Ein schöner Einstieg in das Thema Selbstfürsorge ist, mal neugierig den beiden Fragen nachzugehen:


Was tut mir gut? Was nährt mich?


Einfach um zu schauen, wie sehr ich diese Dinge in mein Leben einlade. Ob ich täglich Dingen in meinem Leben Platz gebe, die mir guttun. Oder ob ich diese Dinge innerlich irgendwo in die Sommerferien oder in die Pension verschoben habe.


Beliebt ist auch die Annahme, ich mach jetzt noch dieses und jenes, und dann...... dann mache ich das, was mir guttut. Doch die Erfahrung zeigt, daß die Dinge, die mir guttun auf diesem Weg einfach aus meinem Leben verschwinden.


Was tut mir gut? Was nährt mich?


Mach diese Übung für dich schriftlich und achte dabei darauf, wie du diese Erfahrungen in deinem Körper und in deinen Gefühlen wahrnimmst.


Alternativ kannst du auch eine sogenannte Dyade mit einer Freundin, einem Freund oder deinem Partner / Partnerin machen.


Dafür setzt ihr euch gegenüber - am besten ohne Tisch zwischen euch. Einer beginnt darüber zu reden, was ihn nährt, während der andere nur zuhört. 10 Minuten lang. Wenn dem, der redet zwischendurch nichts mehr einfällt, einfach die Augen schließen und darauf achten, was auftaucht. Dieses Bleiben mit der Frage fördert oft Dinge zutage, die bedeutend sind.


Das Gegenüber hört während der Zeit nur zu. Dann wechselt ihr. Das Gegenüber hat 10 Minuten, um die gleiche Frage aus seiner Sicht anzuschauen. Der Andere hört nur zu. Dann nehmt ihr euch weitere 10 Minuten oder länger, um euch darüber auszutauschen.


In der Regel entsteht durch diese Frage die Lust und die Motivation, diese Dinge zu leben. Sind sie mir bewusst, kann ich anfangen, ihnen einen Platz in meinem Leben zu geben und so mit gutem Gewissen einen ersten Schritt in die Selbstfürsorge zu machen.

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