Nur ja sagen, wenn ich auch ja meine

Ich habe sehr oft ja gesagt, wenn ich nein meinte, weil ich Angst hatte, anderen nicht zu gefallen. Oder weil ich nicht egoistisch wirken wollte. Um niemanden zu enttäuschen oder zu verletzen. Leider hat das nicht ausgesprochene Nein einen Preis.

Nur ja sagen, wenn ich auch ja meine I Achtsamkeit Blog

Es gibt dazu auch ein schönes Zitat von Rita Mae Brown: "Die Belohnung der Anpassung ist, dass jeder dich mag, außer du dich selbst."


Wenn ich es gewohnt bin, mehr Rücksicht auf andere nehme, als auf sich selbst, gehe ich dabei sehr rücksichtslos mit mir selbst um. Und gleichzeitig werde ich für den anderen unsichtbar.


Denn wenn ich mich nicht traue, zum Nein in mir zu stehen, verstecke ich mich. Der andere kann mich dann nicht sehen. Das Verstecken bringt also nicht nur einen großen Selbstverlust, sondern auch Beziehungsverlust mit anderen.


Aus der Sicht der Achtsamkeit ist ein Nein, das ich gegenüber dem Anderen zeigen kann, ein Ja zu mir selbst und ein Ja zur Beziehung.


Zu meinen Gefühlen stehen können


Zum Nein in mir zu stehen hat für mich ganz viel damit zu tun, dass ich und meine Bedürfnisse in Beziehung Platz haben dürfen - auch wenn mein Gegenüber vielleicht andere Bedürfnisse hat. Und auch, wenn meine Bedürfnisse dem anderen vielleicht nicht gefallen. Dadurch verschwinden sie ja nicht.


Im Englischen gibt es die schöne Formulierung: "What is not expressed, is depressed." Meine Bedürfnisse nicht zu zeigen führt dazu, dass ich meine Gefühle unterdrücken muss und das führt in die Depression. Denn auf diesem Weg verliere ich meine Lebendigkeit.


Stehe ich nicht zu meinem inneren Nein, passe ich mich an und fühle mich allein, denn ich wurde nicht gesehen.


Auch wenn ich damit in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht habe, mich sichtbar zu machen ist eine der wichtigsten Grundbedingungen für Beziehung. Den Mut dazu wieder zu finden ist gleichzeitig der Weg dahin, die Menschen zu finden, die meine Bedürfnisse auch sehen können.


Denn interessanterweise ist es so, dass die, die ihre Bedürfnisse weniger zeigen auch Beziehungen mit Menschen finden, die es nicht aushalten, wenn es nicht nach ihren Bedürfnissen geht.


Lerne ich, meine Bedürfnisse in Beziehung mit gutem Gewissen und ohne Angst einzubringen, ändern sich dadurch alle meine Beziehungen.


Und ganz grundlegend ändert sich die Beziehung, die ich zu mir selbst habe.


Wie kann das gelingen?


Manche Menschen haben es sich durch ihre Beziehungserfahrungen angewöhnt, immer schnell ja zu sagen und zur Verfügung zu stehen. Andere sind ständig im Nein. Jeder von uns ist es gewohnt, in Beziehungssituationen immer wieder gleich zu reagieren. Das geht ganz schnell und ohne, dass es uns bewusst ist. So ist unsere Psyche gestrickt.


Wie ich in welcher Situation reagiere, das nennt man gemeinhin Persönlichkeit. Aber Persönlichkeit lässt sich ändern. Schritt für Schritt.

 

Übung:


Es ist dieses "ganz schnell", das dazu führt, dass wir in Beziehung immer wieder das Gleiche erleben. Dass wir immer wieder dasitzen und uns fragen, warum habe ich dazu nur ja gesagt?


Eine der für mich wichtigsten Aspekte von Achtsamkeit ist, immer wieder innezuhalten, bevor ich antworte oder handle.


Warum ist das so wichtig?


In der Pause zwischen Reiz und Reaktion kann ich mein Inneres wahrnehmen, ohne gleich zu handeln. Dann merke ich, wie schnell das übliche Angebot meiner Persönlichkeit auftaucht. Wie dringend mein gewohntes Ja raus will.


Wenn ich innehalte, spüre ich aber auch, ob ich mich mit der Sache eigentlich wohlfühle. Wenn nicht, ist es wichtig, kann ich meinen Mut zusammennehmen und das zum Ausdruck zu bringen.


Unsere Persönlichkeitsmuster kommen zu diesem Ort der möglichen Entscheidung nie hin. Sie reagieren einfach sofort - aus alter Gewohnheit.


Eine Woche mal einfach nicht gleich ja sagen, sondern immer sagen, ich lasse mir das durch den Kopf gehen, ich melde mich morgen, ich werde mir das anschauen oder Ähnliches, hilft sehr, den Raum zu kriegen, um sich selbst wieder zu spüren und zu einer guten ausgewogenen Entscheidung zu finden, in der ich mich selbst genauso wichtig nehmen kann wie mein Gegenüber.


Es geht darum, mich Stück für Stück zu trauen, mich mit meinen Bedürfnissen und meinen Gefühlen zu zeigen. Wann immer ich damit eine gute emotionale Erfahrung mache, wird das in meinem Gehirn als positive Erfahrung gespeichert und meine Persönlichkeit beginnt sich zu verändern.


Lerne ich, mich so zu zeigen, fühle ich mich in Beziehungen weniger abhängig und ich fühle mich nicht so leicht als Opfer der Bedürfnisse anderer. Denn ich übernehme die Verantwortung für meine Gefühle und dafür, mich mit ihnen zu zeigen.


Diese Art mit mir selbst umzugehen berührt alle Selbstthemen wie Selbsterkenntnis, Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstverständnis. Wann immer ich meine eigenen Bedürfnisse wieder in Beziehung einbringen kann, geht es mir mit diesen Themen besser.










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