Kann ich mich wirklich verändern?


Ich wollte immer verstehen, ob wir uns wirklich ändern können. Und wenn ja, wie. Über die Jahre habe ich viele Wege kennengelernt und ich habe gelernt, daß Veränderung nicht nur möglich ist - sie passiert ständig.


Unser ganzes Leben lang wird unsere Persönlichkeit ständig durch starke positive und negative emotionale Erlebnisse neu geprägt und verändert.


Durch einschneidende Erfahrungen, entstehen Überzeugungen, Werte, Glaubenssätze, Erwartungshaltungen. Die Summe dieser Erfahrungen macht unsere individuelle Persönlichkeit aus. Die meisten dieser Veränderungen passieren uns sozusagen durch äußere Einflüsse. John Lennon hat das in einem Zitat ganz schön zusammengefaßt: "Das Leben ist das, was uns passiert, während wir andere Pläne haben."


Für mich war immer die Frage interessant, wie ich denn Veränderung in meinem Leben aus mir selbst heraus gestalten kann. Und zwar so, daß ich weniger mit mir selbst und anderen in Konflikt bin. So, daß ich mich zugehörig und verbunden fühlen kann. So, daß ich mit dem wer und wie ich bin, gut leben kann.


Veränderung mit Hilfe von Achtsamkeit


Achtsamkeit ist "ein" möglicher Weg, Veränderungsprozesse selbst zu gestalten.


Im heutigen Beitrag möchte ich einen kleinen Einblick darin geben, wie Achtsamkeit Persönlichkeit nachhaltig verändern kann. In der Kürze eines Blog Beitrags kann ich das natürlich nur grob andeuten. Aber ich glaube, es ist wertvoll, diesen Überblick einmal vermitteln zu können.


Was ist eigentlich Persönlichkeit?


Persönlichkeit würde ich definieren als die Sammlung aller Beziehungserfahrungen, die wir in unserem Leben machen. Was wir in Beziehung gelernt haben, prägt, wer wir sind. Es prägt, was uns bekannt und unbekannt ist, wovor wir uns fürchten und womit wir gern in Beziehung gehen. Man kann sagen, wir sind unsere Beziehungen. Diese Persönlichkeit prägt, wie wir in Beziehung gehen. Mit uns selbst und mit anderen.


Wir übernehmen Urteile und Wertungen


In unserer Kindheit übernehmen wir Urteile und Wertungen unserer Eltern und enger Bezugspersonen, weil wir uns selbst noch kein eigenes Bild machen können. Die Welt ist so, wie wir sie durch unsere Eltern kennenlernen. Wir haben als Babies und Kleinkinder keine Möglichkeit, das in Frage zu stellen.


Das, was Eltern in anderen verurteilen, davor bekommen wir Angst und meiden es. Und die Dinge, die unsere Eltern in uns werten und verurteilen - diese Teile wollen wir in uns nicht mehr spüren. So kommen wir nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns selbst in Konflikt.


Wachse ich in einem Elternhaus auf, in dem Freundlichkeit, Herzlichkeit und menschliche Wärme vorherrscht, ist die Welt weit und freundlich und ich darf sein wie ich bin.


Wachse ich in einem Elternhaus auf, wo viel Urteil, Strenge, Regeln und Konflikt bestehen, werde in der Regel auch ich eingeschränkt und meine Welt wird eng.


Die Urteile, die meine Eltern über mich haben, verinnerliche ich in mir. So lerne ich mich selbst zu verurteilen. Die Konflikte mit mir selbst sorgen dabei für genauso viel Enge und Anspannung wie die Konflikte mit anderen.


Urteile und Wertung aussetzen


Ein wesentlicher Teil der Haltung von Achtsamkeit besteht darin, Wertung und Urteile auszusetzen. Das heißt, ich nehme sie weiterhin wahr, ich halte aber inne und stelle sie infrage.


In Achtsamkeitskursen wird über das was jeder Teilnehmer einbringt nie geurteilt. Alles und jeder darf sein wie er ist. Das schafft eine große Entspannung.

Denn jedes Urteil, jede Wertung und jeder Vorwurf trennt mich von anderen und von mir selbst und führt in Anspannung und Angst.


Achtsamkeit hat also eine Haltung, die unserer wertenden Kultur sehr widerspricht.


Dabei macht Achtsamkeit immer nur das Angebot, die Welt ohne Urteil und Wertung zu sehen und zu schauen, ob es einem guttut. Es gibt in der Achtsamkeit kein Dogma, kein "du musst" das so oder so machen oder auf ein bestimmtes Ergebnis kommen. Denn jedes Dogma "trennt" von der eigenen Erfahrung.


Die Achtsamkeit "verbindet" mit der eigenen Erfahrung.


Veränderung passiert dann, wenn ich merke, daß mir diese zunächst ungewohnte Haltung guttut und ich anfange in dieser Haltung positive emotionale Erlebnisse zu sammeln. Fühle ich mich in dieser Haltung wohler und komme weniger mit mir und anderen in Konflikt, wird in der Psyche jede positive Erfahrung registriert und mit der betreffenden Situation vernetzt.


So entsteht Stück für Stück eine neue Gewohnheit. Das heißt, der Teil meines Gehirns, den man emotionales Gehirn nennt, greift mehr und mehr auf diese Möglichkeit der Haltung und Reaktion zurück. Und mit jeder positiven emotionalen Erfahrung wird diese Gewohnheit gestärkt.


Persönlichkeit ist nur eine Angewohnheit


In gewisser Weise ist Persönlichkeit nichts weiter als eine große Sammlung von Gewohnheiten, die in jeder gegebenen Situation automatisch abgerufen werden, ohne daß wir das mitbekommen. In der Achtsamkeit nennt man diese gewohnheitsmäßigen Muster Autopilot.


Gelingt es eine neue Gewohnheit zu etablieren, die zu angenehmeren Beziehungserfahrungen führt, wird ein Aspekt unserer Persönlichkeit sozusagen geupdatet. Ich fange mit der Zeit an, ganz automatisch Urteil und Wertung auszusetzen, wenn sich die positive Erfahrung oft genug wiederholt.


Dann hat sich meine Persönlichkeit in diesem Aspekt verändert.


Fokus auf dem, was mir guttut


Die achtsame Haltung beinhaltet eine Vielzahl an Einladungen, mit der Welt auf eine bislang ungewohnte Ar in Kontakt zu gehen und ganz einfach zu schauen, ob einem das guttut.


Wenn es guttut, steht es jedem Teilnehmer eines Achtsamkeitskurses frei, das für sich beizubehalten, in sein Leben zu integrieren und zu einem Teil seiner Persönlichkeit werden zu lassen.


Dabei beinhaltet die Achtsamkeit viele Aspekte der Haltung:


Was nehme ich wahr, wenn ich langsamer werde, wenn ich mich in meinem Leben bewusster wahrnehme, wenn ich mich mit meinen Sinnen verbinde, wenn ich meinen Körper wieder spüre, wenn mein Körper in eine andere Haltung findet, wenn ich meinen Fokus bewusst auf das richten kann, was mich entspannt, wenn ich lerne gut zuzuhören, und so weiter.


Diese und mehr Angebote macht die Achtsamkeit, um in Selbsterfahrung wahrzunehmen, was tut mir gut.


Die Fragen, die ich mir dann stellen kann, sind:


Wie möchte ich Achtsamkeit für mich leben?


Was ist meine Wahrheit?


Beziehungserfahrungen prägen mich immer


Auch wenn die frühen Beziehungserfahrungen unser Bild von uns selbst prägen, die späteren Beziehungserfahrungen prägen und ändern uns weiterhin. Auch wenn wir erwachsen sind.


Gehe ich also mithilfe der Achtsamkeit regelmäßig mit mir selbst und der Welt anders in Beziehung, ändert sich meine Persönlichkeit. So funktioniert unsere Psyche.


Die Achtsamkeit ist dabei nie eine weitere Stimme, die Regeln aufstellt und sagt, was richitg ist und was falsch.


In der Achtsamkeit gibt es nur ein "es ist für mich" richtig oder es ist "für mich" falsch.


So bekommt jeder, der an einem Achtsamkeitskurs teilnimmt, die Möglichkeit, sein Selbst aus sich heraus grundlegend wahrzunehmen und zu erfahren und kann in dieser Erfahrung ganz bei sich bleiben.


Es ist genau dieser Aspekt, der aus meiner Sicht das Tor dafür aufmacht, mit sich selbst und anderen nachhaltig anders in Beziehung gehen zu können.


Mithilfe der Achtsamkeit lerne ich Stück für Stück darauf zu vertrauen, daß ich das tun darf, was mir guttut und dabei freundlich und herzlich mit mir selbst und anderen umzugehen.


Das größte Veränderungspotenzial liegt dabei immer darin, mit mir selbst kongruent zu werden, mich wohl damit zu fühlen, ich selbst zu sein.

Übung


Schaue auf dein Leben zurück und achte darauf, welche Ereignisse in deinem Leben dich geprägt haben. An welchen Punkten hat sich deine Persönlichkeit verändert - im Positiven wie im Negativen. Was waren die guten Kräfte in deinem Leben und was waren die Kräfte, die dich in Konflikt mit dir und anderen gebracht haben?


Schau darauf, wer du jeweils warst. Dann wirst du sehen, daß sich Persönlichkeit immer ändert, auch wenn Teile der Persönlichkeit vielleicht über Jahrzehnte gleich bleiben.


Wer Lust darauf hat, in eine gute Beziehung mit sich selbst und anderen zu finden, dem kann ich den Besuch eines Achtsamkeitsworkshops nur empfehlen. Denn jeder Workshop basiert immer auf intensiver Selbsterfahrung - und genau diese Selbsterfahrung ist die Basis für Veränderung.


Nur ein Buch über Achtsamkeit zu lesen, bringt vielleicht Erkenntnis, aber nur weil das Gehirn etwas begriffen hat, verändert sich in der Persönlichkeit noch nichts.


Nicht umsonst ist die Achtsamkeit eine Übungs- und Selbsterfahrungsgpraxis und keine Denkschule.







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