Ja zum Leben sagen


Jahrelang wollte ich gern ja zum Leben sagen, habe aber immer gemerkt, daß es mir in der Tiefe - als ganzes - nicht gelingt. Ich konnte immer ja zu ein paar ausgesuchten Menschen sagen, oder ja zu gewissen Umständen in meinem Leben, oder zu Teilen in mir - aber wirklich ja zum Leben als Ganzes sagen - und wirklich ja dazu, daß es ein Glück ist, daß ich dieses Leben habe - das war mir nicht möglich.

In meiner Ausbildung in systemischer Therapie hab ich gelernt, daß das Ja zum Leben durch das Nehmen der Eltern kommt. Ein etwas altmodisch klingender Satz, der nichts anderes bedeutet als - wenn ich zu meinen beiden Eltern in vollem Umfang ja sagen kann, kann ich auch ja zu mir sagen - da ich zu 50% aus meinem Vater und 50% aus meiner Mutter bestehe. In mir werden meine Eltern eins - was vor allem dann eine Herausforderung ist, wenn die Eltern sehr unterschiedlich sind. In dem Maß, indem ich mit einem von ihnen in Konflikt bin, bin ich automatisch in Konflikt mit einem Teil von mir.

Durch den Prozeß der unzähligen Familienaufstellungen war mir klar, wie wichtig dieser Vollzug ist, aber bis vor Kurzem war mir nicht klar, wie ich da hinkomme.

Ich hatte mich über die Jahrzehnte so viel mit meinen Eltern auseinandergesetzt und aktiv mit ihnen an unserer Beziehung gearbeitet, daß ich das Gefühl hatte, zu meinen Eltern tatsächlich ja sagen zu können. Doch ein Ja zum Leben hatte ich immer noch nicht gefunden.

Ein Lösungsweg

Erst jetzt wo es mir gelungen ist meine Eltern wirklich vollständig zu integrieren, ist mir klar geworden was es wirklich heißt, zu seinen Eltern ja zu sagen.

Ich konnte auf einmal die Faktoren erkennen, die es ganz klar ausdrücken, ob die Integration meiner Eltern gelungen ist oder nicht.

Vorwurf und Anspruch

Seine Eltern in vollem Umfang zu achten heißt, gegen sie keinen Vorwurf zu haben, und keinen Anspruch. Keinen Vorwurf für das was sie gemacht haben und keinen Anspruch daran wie sie anders sein sollten als sie sind.

Wichtig ist, daß das nur dann funktionieren kann, wenn ich mir in vollem Umfang zugestehe, wie schmerzhaft viele Dinge waren, die ich durch meine Eltern in meinem Leben erlebt habe. Im Angesicht dessen ja zu meinen Eltern sagen zu können heißt für mich anzuerkennen, daß jeder immer sein Bestes tut. (siehe Eintrag "Jeder tut immer sein Bestes.") Und anzuerkennen, daß dort wo das Beste nicht in Beziehung mit dem Gegenüber passiert, der Mensch durch seine eigene Biografie von Gefühlen abgespalten ist, die ihm nicht zugänglich sind.

Daß man als Eltern oft Dinge in dem festen Glauben macht, daß sie für das Kind gut sind, und dabei die Bedürfnisse des Kindes nicht wirklich im Blick hat, kommt ebenfalls oft aus der eigenen Biografie. Man versucht dem Kind Dinge zu vermitteln, die einem selber geholfen haben ein gutes Leben zu führen, und ist dabei aber oft nicht in Kontakt mit dem Kind, das sein ganze eigenes Wesen hat, seine ganze eigene Geschichte, und vielleicht ganz andere Neigungen als die, die ich ihm als Erwachsener vermitteln möchte. So werden Dinge, die für das eigene Sicherheitsgefühl im Leben wichtig waren beim Kind oft gegen dessen Willen forciert.

Diese Blindheit in Beziehung liegt darin begründet, daß wir alle im Laufe unseres Lebens lernen Eigenschaften und Gefühle von uns abzuspalten - sie so nicht haben wollen. Dort, wo wir das machen, sind wir nicht mehr ganz, und haben das Urteil gegenüber einer Eigenschaft oder einem Gefühl nicht mehr nur gegenüber uns selbst, sondern auch in Beziehung - wenn wir diese Gefühle bei anderen sehen. Sehen wir sie bei unseren Kindern, glauben wir ihnen etwas Gutes damit zu tun, daß wir ihnen diese Gefühle verbieten. Durch Blicke, ungehalten sein, durch Urteile über Leute, die diese Gefühle haben, und viele andere verbalen und nicht verbalen Kommunikationsformen. So entstehen unterschiedliche Glaubenssätze in Familien wie "man darf nicht widersprechen, muß immer fleißig sein, darf nicht auffallen, darf sich keine Fehler erlauben", oder in anderen Familien "man darf sich nichts gefallen lassen, muß auf jeden Fall gewinnen, darf keinen Schmerz zeigen, man sollte nicht zu viel Rücksicht nehmen.

Wir sind alle nicht davon ausgenommen. Unsere Eltern nicht uns gegenüber und wir nicht unseren Kindern gegenüber.

Das was uns unsere Eltern damit teilweise antun - und das was wir unseren Kindern teilweise antun ist eine Wirklichkeit, die immer besteht. Es ist wichtig, daß sie anerkannt wird. Das was nicht gut war, war nicht gut. Diese Wirklichkeit muß bestehen bleiben dürfen in der Annahme der eigenen Eltern.

Wenn wir meinen, wir müßten unseren Eltern Dinge aus der Vergangenheit "verzeihen", würden wir damit unsere eigene Verletzung leugnen. Dann bleibt immer etwas in uns im Widerstand. Die Verantwortung dafür was Eltern machen bleibt immer bei den Eltern. Und das was einmal war ist in dem Sinn auch nicht mehr gut zu machen. Aber wir können anerkennen, daß es geschehen ist, weil unsere Eltern Menschen mit Grenzen sind, so wie wir Eltern mit Grenzen unseren Kindern gegenüber sind.

Wenn wir uns zugestehen, daß unser Erleben und unsere verletzten Gefühle legitim und gut sind, und die Verantwortung für das was geschehen ist gleichzeitig bei unseren Eltern lassen, öffnet das interessanterweise auch die Möglichkeit jeden Vorwurf an die Eltern aufzugeben, und jeden Anspruch daran noch etwas von ihnen zu bekommen was sie aufgrund ihrer Biografie nicht geben können. Wenn sie es könnten, würden sie es tun. Dem im vollen Umfang zuzustimmen ist zentral für die Lösung.

Wenn dieser Vollzug gelingt, merken wir daß wir verbunden sind und gleichzeitig frei. Verbunden mit uns selber und verbunden mit unseren Eltern. Wir stimmen in dem Moment unserer eigenen inneren Wirklichkeit zu, und der inneren Wirklichkeit unserer Eltern, und können beide Wirklichkeiten nebeneinander stehen lassen. Im Gefühl gleichzeitig verbunden und frei zu sein ist Lösung möglich.

Die Beziehung zu unseren Eltern ist ein Spiegel unserer Beziehung zu uns selbst

Vorwurf und Anspruch gegenüber unseren Eltern aufzugeben, heißt auch Vorwurf und Anspruch in unserem Leben dort aufzugeben wo sie entstanden sind - sozusagen an der Wurzel. Wo uns das gelingt, wird auch Vorwurf und Anspruch an uns selber - und auch gegenüber anderen Menschen in unserem Leben weniger.

"Anerkennen was ist" ist ein wichtiger Leitsatz in der Achtsamkeit. Diese Haltung bringt mit sich, sich ganz prinzipiell von Vorwurf und Anspruch zu verabschieden. Denn Vorwurf und Anspruch kosten viel Energie und sind immer blind für die eigene Wirklichkeit und die Wirklichkeit des Anderen.

Es ist eine schwierige Aufgabe seine Vorwürfe und Ansprüche aufzugeben, weil man sich moralisch so im Recht fühlt sie zu haben. Doch solange wir sie haben, kommen wir weder für uns, noch in der Beziehung in die Lösung.