Haltung ist die Basis von Meditation - Teil 1


Ich meditiere seit ungefähr 40 Jahren. Aber es hat lange gebraucht, bis ich erkannt habe, wie wichtig die Details der Körperhaltung in der Meditation sind - und daß sie alles andere als zufällig sind. Und das hat einen ganz einfachen Grund:


Körperhaltung und emotionale Haltung bilden immer eine Einheit.


Die Körperhaltung in der Meditation entspricht einem optimalen körperlichen Gleichgewicht. Daher bringt diese Körperhaltung den Meditierenden automatisch in Kontakt mit einem optimalen emotionalen Gleichgewicht.


In Teil eins dieser kleinen dreiteiligen Serie möchte ich vermitteln, warum das so ist und wie Körperhaltung und Gefühle zusammenspielen.


In Teil zwei dieser Serie gehe ich auf die konkreten Details der Sitzhaltung beim Meditieren ein und wie man für sich gut in diese Haltung findet. Egal ob man im Lotussitz, im Fersensitz oder auf einem Stuhl sitzend meditiert, alle Positionen beinhalten die gleichen Prinzipien, die die Basis für eine gute Meditationserfahrung sind.


Teil drei beleuchtet die innere Haltung in der Meditation der Achtsamkeit. Zusammen genommen sind die drei Teile der Serie eine kleine Einführung in die achtsame Meditation.


Ich hole jetzt ein bißchen aus, um über den Ursprung unserer Gefühle und den Zusammenhang mit Körperhaltung zu erzählen. Am Ende dieses Blog Beitrags komme ich dann dazu, warum die Meditationshaltung uns mit einem Gefühl der Ausgeglichenheit, der Wachheit, der Präsenz, der Zentriertheit verbindet. Wir müssen dafür nichts "tun" in der Meditation. Die Haltung verbindet uns automatisch mit diesem emotionalen Zustand.


Körperliche und emotionale Haltung sind eins


Interessanterweise sind unsere Gefühle "immer" mit Körperhaltungen verbunden. Das betrifft nicht nur den Körperausdruck, sondern auch die Mimik. Wenn wir zweifeln, runzeln wir die Stirn, wenn wir etwas lustig finden, lächeln wir und wenn wir uns ärgern, beißen wir die Zähne aufeinander.


Sind wir niedergeschlagen und traurig, senken wir den Kopf und machen uns ein bißchen kleiner als wir sind. Genauso, wenn wir schüchtern sind. Dabei knicken wir im Zwerchfellbereich ab und können nicht mehr voll und frei atmen.


Wenn wir Angst und Stress haben, spüren wir das oft im Brustbereich. Dort wird oft durch Anspannungen ebenfalls das Atmen erschwert, die Adern verengen sich, der Herzschlag muss dadurch schneller werden, um genug Sauerstoff durch die engen Adern in den Organismus zu pumpen, der Blutdruck steigt.


Wer Angst hat, spannt dabei auch gern den Bauch an - oder die Schultern, den Nacken. Die deutsche Sprache kennt viele Sprichwörter, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. Es liegt mir etwas im Magen, etwas lastet auf meinen Schultern, ich werde ganz halsstarrig, jemand hat eine sorgenzerfurchte Stirn, ich krieg ganz weiche Knie, habe einen Klos im Hals und so weiter.


Das heißt, jedes Gefühl hat einen eindeutigen körperlichen Zustand. Dieser einem Gefühl zugeordnete körperliche Zustand ist interessanterweise universell. Diese, wenn man so will Gefühlsprogrammierung über den Körperausdruck ist biologisch und nicht kulturell erlernt. Auch ein Blinder, der nie den Ausdruck anderer Menschen gesehen hat, reißt bei den Paralympics die Arme hoch, wenn er etwas gewonnen hat und strahlt über das ganze Gesicht. Ein Inder, ein Chinese, ein Franzose - alle Menschen weinen, wenn sie traurig sind und lächeln, wenn sie sich freuen.


Diese Vorgänge laufen in der Regel unbewusst ab. Wir bemerken im Alltag kaum, daß sich mit jedem Gefühl auch unser Körper und unser Energiezustand ändert.


Der Körper bestimmt die Gefühlserfahrung


Auch wenn die Gefühle nicht im Körper ausgelöst werden, sondern in einem Teil des Gehirns, der sich emotionales Gehirn nennt, bestimmt der Körper die emotionale Erfahrung. Denn wir können ein Gefühl erst fühlen, wenn der Körperausdruck da ist.


Dazu eine einfache Übung:


Lächle und versuche dich dabei traurig zu fühlen.


Schaue traurig und versuche dich dabei lustig zu fühlen.


Oder nimm eine niedergeschlagene, in sich zusammengesunkene Position ein und versuche dich dabei energetisch und tatkräftig zu fühlen.


Umgekehrt kannst du hier auch eine energetische, tatkräftige Körperhaltung einnehmen und versuchen dich dabei schlapp, lustlos und ohne Elan zu fühlen.


Das Ergebnis ist immer das gleiche. Der Körper bestimmt die Gefühlserfahrung.


Woher kommen meine Gefühle?


Unser unbewusstes emotionales Gehirn vergleicht alle Situationen, in die wir kommen ständig assoziativ und intuitiv mit Situationen, die wir schon erlebt haben. Es wählt dann in Millisekunden ein Gefühl, das und aus der Sicht des emotionalen Gehirns in der jetzigen Situation optimal beschützen kann.


Welches Gefühl gewählt wird, ist dabei ganz individuell. Habe ich schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht, werde ich emotional anders auf sie reagieren als jemand, für den ein Hund immer der beste Freund im Leben war. Diese Unterschiedlichkeit der Erfahrungen sorgt dafür, daß wir alle verschiedene Persönlichkeiten sind.


Dabei ist sowohl der Vorgang im emotionalen Gehirn unbewusst, wie auch die Aktivierung der Gefühle über Körperreaktionen. In der Regel bin ich in ständig wechselnden Gefühlen, ohne daß mir die Ursache bewusst ist. Auch bekomme ich die wechselnden Anspannungsmuster in meinem Körper nicht mit. All das läuft völlig automatisiert ab und in der Regel bekomme ich davon nichts mit. Denn die bewusste Aufmerksamkeit ist mit ihrem Fokus meist woanders.


Gefühle bringen mich aus dem Gleichgewicht


Jede Angstreaktion geht im Körper mit irgendeiner Form von Anspannung einher. Jede Situation, die ich vertrauensvoll in Beziehung erlebe, geht mit Entspannung einher. In einem guten Gleichgewicht bin ich also, wenn ich in einem Körper lebe, der sich genauso gut anspannen, wie entspannen kann. Doch dieses Gleichgewicht ist meist durch Stress gestört.


Denn durch ständige Anspannung kommen Verspannungen. Diese Verspannungen lösen sich auch dann nicht, wenn ich bewusst entspannen möchte. Das heißt, mein Körper bleibt in einer Haltung stecken, die mich permanent in einem Gefühl von Angst und Stress hält. Der Körper ist damit permanent aus dem Gleichgewicht und damit bin ich auch emotional permanent aus dem Gleichgewicht.


Wenn mein Körper die Fähigkeit verliert sich ganz zu entspannen, finde ich weder in ein körperliches, noch in ein emotionales Gleichgewicht zurück.


Yoga und Meditation


Yoga und Meditation sind eine Übung darin, dieses Gleichgewicht im Körper Stück für Stück wieder herzustellen und damit auch in ein emotionales Gleichgewicht zu finden.


Im Yoga werden die verkürzten Muskeln wieder gedehnt und die wenig genutzten Muskeln werden gestärkt. Übt man Yoga regelmäßig, kommt es zu einer stufenweisen Änderung in der Körperhaltung, die aus den oben genannten Zusammenhängen "immer" eine Wirkung der emotionalen Zentrierung hat.


Je regelmäßiger ich übe, desto mehr findet mein Körper graduell in sein Gleichgewicht zurück.


So ist Yoga immer auch die ideale Ergänzung und / oder Vorbereitung für die Meditation. Wer Yoga macht und sich dann zum Meditieren hinsetzt, wird den Unterschied in der körperlichen und emotionalen Erfahrung klar spüren.


Wer keinen Yogakurs besucht, aber zu Hause meditiert, kann die Audio Anleitungen für Achtsames Yoga im Stehen und Achtsames Yoga im Liegen auf meiner Homepage nutzen, um mit dem Wechselspiel zwischen Yoga und Meditation Erfahrungen zu machen. Aus den oben genannten Zusammenhängen wird auch erklärlich, warum achtsames Yoga und achtsame Meditation in der Achtsamkeit zusammengehören.


Haltung ist die Basis von Meditation


Ein Körper, der im Gleichgewicht ist, kann sich mühelos entspannen und auch anspannen, wenn es angemessen ist. Er spannt sich an, wenn er ein Glas hebt, oder einen Schritt nach vorne macht. Diese Anspannungen sind gut und funktional. Dafür sind unsere Muskeln gemacht.


Ein Körper, der so in seiner Mitte ist, kann angemessen und flexibel auf alle Situationen reagieren und das bedingt, daß ich auch emotional angemessen und flexibel reagieren kann.


Bleibe ich aus psychischen Gründen ständig angespannt, verliere ich diese Flexibilität im Körper, wie in der Psyche.


Das optimale Gleichgewicht im Körper ist also so etwas wie der beste mögliche Ruhepunkt in mir, von dem aus alle meine Körpervorgänge und emotionalen Vorgänge am effizientesten gesteuert werden.


Ein Körper im Gleichgewicht richtet sich so aus, daß das ganze Skelett und die Muskeln optimal genutzt werden und das Skelett im Stehen wie im Sitzen die wesentliche Stützfunktion hat - und nicht die Muskeln. Bei einem Körper im Gleichgewicht gibt es keine Fehlhaltungen, die Gelenke belasten und Muskeln anstrengen und zu weiteren dauerhaften Verspannungen und körperlichen Verschleißerscheinungen führen.


So ist die Körperhaltung sozusagen das Fundament, auf dem die geistige Haltung in der Meditation aufbaut.


Diese Zusammenhänge sehe ich als Grundlage für Teil zwei dieser kleinen Serie, in der es um eine gute Sitzposition in der Meditation geht.


In Teil zwei beschreibe ich ganz konkret, worauf man achten kann, um in der Meditation in eine gute Sitzhaltung zu finden, die mit einer zentrierten emotionalen Haltung verbindet.


Nimmt man den körperlichen Aspekt der Sitzhaltung genau, verbessert das die Meditationserfahrung nachhaltig.