Die innere und äußere Realität

Die innere und äußere Realität unterscheiden zu können, ist ein ganz zentrales Element der Achtsamkeit. Aber wie entsteht zwischen den beiden überhaupt ein Unterschied?


Der Unterschied entsteht, weil jeder von uns durch sehr unterschiedliche Beziehungserfahrungen geprägt wurde. Durch sie leben wir alle in einer ganz eigenen inneren Realität.

Die innere und äußere Realität I Achtsamkeit Blog

Bin ich mal von einem Schäferhund gebissen worden, habe ich später vielleicht auch vor einem Pudel Angst. Habe ich mich vor meinem Vater gefürchtet, fürchte ich mich später auch vor Männern, die die gleiche Körpersprache haben, eine ähnliche Stimme, oder die gleichen Gefühle verkörpern wie mein Vater.


Bin ich früher in der Gegenwart anderer beschämt worden, sind mir ähnliche Situationen auch als Erwachsener noch unangenehm. Habe ich an einer bestimmten Kreuzung mal etwas Gefährliches erlebt, fahre ich unbewusst immer einen Umweg um diese Kreuzung. Der andere Weg ist mir irgendwie lieber.....


Es gibt Menschen, die nichts mehr lieben als im Rampenlicht zu stehen und solche, für die die gleiche Situation die Höchststrafe ist.


Meine Beziehungserlebnisse in der Vergangenheit schaffen also eine innere Realität, die mich eine Situation als gefährlich oder als freudig erleben lassen.


Welche Gefühle ich mit welchem Ereignis verbinde, darin ist jedes Leben wie ein individueller Fingerabdruck.


Warum ist das so?


Menschen sind emotionale Wesen


Der Mensch hat einen Verstand. Er ist vernunftbegabt, und doch sind wir zutiefst emotionale Wesen. Das liegt daran, dass unser emotionales Gehirn schneller ist, als wir denken können. Anders gesagt, wir kommen in jeder gegebenen Situation in Bruchteilen von Sekunden in ein Gefühl, noch bevor wir die Situation rational bewerten können. Unser Erleben ist somit immer emotional und subjektiv. Einfach, weil der denkende Teil unseres Gehirns wesentlich langsamer ist als der fühlende.


Meine Beziehungserfahrungen prägen also die Gefühle, in die ich heute komme. Das führt dazu, dass ich unweigerlich mit bestimmten Dingen gut und mit anderen schlecht in Beziehung gehen kann.


Wenn ich mich in einer Situation wohl fühle und keine Angst habe, dann halten sich innere und äußere Realität die Waage. Dann bin ich entspannt, kann gut bei mir sein "und" mit der äußeren Situation gut in Beziehung gehen. Dann fühle ich mich sicher und geborgen.


Doch sobald ich eine Stressreaktion habe und meine Grenze verletzt wird, gerät die Waage aus dem Gleichgewicht. Meine innere Realität bestimmt dann meine Wahrnehmung. Und zwar umso stärker, je stärker meine Angstreaktion ist.


Mit der Vernunft geht es dann schnell bergab, denn ich reagiere impulsive und emotional, auch wenn das aus Vernunftgründen nicht die beste Wahl ist.


In jeder Stressreaktion bin ich angespannt. Mein Körper wird genauso eng wie mein Standpunkt. Ich möchte die äußere Realität nur loswerden, denn sie macht mir Angst. So verliere ich die Fähigkeit mit ihr wirklich in Beziehung zu treten.


In der Angstreaktion geht immer meine Herzlichkeit verloren. Meine Fähigkeit empathisch zu sein und mitzufühlen verschwindet. Das "Wir" geht verloren. Es wird durch ein "Ich "oder" Du ersetzt. Urteil und Wertung rücken an den Platz von Verstehen und Herzlichkeit.


Ich befinde mich dann in einem Kampf, indem der Standpunkt meines Gegenübers und seine Bedürfnisse mir gefühlt keinen Platz mehr lassen.


Je nachdem, mit welcher alten Angsterfahrung ich in meiner inneren Realität verbinde, können dabei Konflikte in der inneren Realität nicht nur als bedrohlich, sondern als lebensgefährlich empfunden werden. Je stärker die innere Angsterfahrung, desto mehr trennt sie mich von der äußeren Realität.


Innere und äußere Realität unterscheiden lernen


Jeder ist es also gewohnt, bestimmte Situationen auf seine ganz eigene Art und Weise zu interpretieren und sie mit bestimmten Gefühlen zu verbinden.


Im MBSR Achtsamkeitskurs lerne ich, bewusst zu bemerken, was meine individuellen persönlichen emotionalen Reaktionen auf die Welt eigentlich sind und ob sie mir gut dienen. Merke ich, dass ich in emotionalen Mustern gefangen bin, die mich immer wieder mit mir und anderen in Konflikt bringen, bekomme ich durch die Achtsamkeit einen erweiterten Handlungsspielraum. Ich lerne Stück für Stück, wieder gut in Beziehung zu kommen - gerade dort, wo ich in Stress komme.


Die Lösung aus der inneren Realität mithilfe der Achtsamkeit

Die innere und äußere Realität gleichzeitig halten zu können, ist das Gleichgewicht, nach dem die Achtsamkeit strebt. Das was ich wahrnehme, meine Bedürfnisse, mein Standpunkt ist dabei genauso wichtig wie die Bedürfnisse und der Standpunkt meines Gegenübers. Ich bin nicht wichtiger aber auch nicht weniger wichtig.


Was ich in der Achtsamkeit und im MBSR Kurs einübe ist, dieses Gleichgewicht wieder zu finden. Dazu nehme ich meine innere Realität erst mal nur wahr, handle aber nicht sofort.


Komme ich in Stress, setze ich meine gewohnte erste Reaktion erst mal aus. In dem Wissen, dass ich im Stress in einer verzerrten, sehr emotionalisierten Wahrnehmung bin und nicht mehr gut in Beziehung gehen kann. Dann verbinde ich mich gut mit meiner inneren "und" mit der äußeren Realität, bevor ich handle.


Ich tauche so weit in der äußeren Realität auf, dass ich bemerken kann, ob vom Pudel, der vor mir sitzt, eigentlich gerade eine Gefahr ausgeht, oder ob er in Wirklichkeit harmlos ist. Komme ich zu dem Schluss, dass er harmlos ist, kann ich meine innere Realität beruhigen.


Ich bekomme also das gewohnte Angebot meiner Persönlichkeit, achte dann aber darauf, ob dieses Angebot eigentlich wirklich hilfreich ist, bevor ich handle. Oft genügt es schon, bewusst zu verlangsamen, um die äußere Realität wieder in den Blick zu bekommen und in ein Gleichgewicht zurückzufinden.


Ein Klient von mir, der in leitender Position ist, hat das mal schön formuliert: "Früher habe ich immer als Erster etwas gesagt. Heute sitze ich da und höre zu. Dann merke ich, da kommt das Angebot Nummer eins in mir. Das kenn ich schon, so habe ich immer reagiert. Ich höre weiter zu und es kommt Angebot Nummer zwei. Das kenn ich auch schon. Wenn ich länger zuhöre, komme ich zu Reaktionen, zu denen ich normalerweise nie kommen würde. Und die sind wesentlich hilfreicher für alle als früher."


Wenn es mir gelingt, mich wieder gut mit der äußeren Realität zu verbinden, kann ich beurteilen, ob meine emotionale Reaktion im Moment gerade angemessen ist, oder ob sie sich aus einem alten Gefühl speist, das verhindert, dass ich gerade gut in Beziehung gehen kann.


Persönlichkeit verändert sich ständig


Unsere Persönlichkeit ist kein fixes Gebilde. Sie verändert sich ständig durch neue Beziehungserfahrungen. Durch Achtsamkeit kann ich lernen, alte, nicht hilfreiche Persönlichkeitsmuster zu erkennen und mit vielen Situationen besser in Beziehung zu gehen, als ich es bisher konnte.


Wenn ich mir durch Übung diese Grundhaltung angewöhne, ändert sich dadurch Stück für Stück meine Persönlichkeit. Die alten gewohnheitsmäßigen Persönlichkeitsmuster werden durch neue, hilfreichere Muster ersetzt.


Achtsamkeit ist eine Übungspraxis