Der Verlust der Begegnungskultur


Der Mensch ist unglaublich gut darin, sich schnell an andere Umstände zu gewöhnen und auch darin, sie dann wieder als normal zu empfinden. Die Welt ist dann so, wie er sie sich einrichtet.


In den letzten Wochen ist die menschliche Begegnung in den Hintergrund getreten und die Begegnung mit dem Computer noch viel umfassender geworden, als sie das ohnehin schon war.


Diese Woche habe ich durch viele Gespräche mit Freunden und Kollegen festgestellt, wie sehr die Sehnsucht nach realer Begegnung in uns allen auftaucht.


Fast von einem Tag auf den anderen hat sich mit dem Lockdown unsere persönliche Begegnungskultur geändert. In gewisser Weise müssen wir jetzt wieder neu lernen, was für uns immer selbstverständlich war. Daß es okay ist, sich zu sehen, sich zu besuchen, sich im Kaffeehaus oder beim Wirt zu treffen und uns darüber zu freuen.


Achtsamkeit ist für mich auch die Bewusstheit darüber, wie sehr uns direkte Begegnung, Beziehung und der Austausch mit anderen Menschen nährt. In der Isolation starten alle unsere Selbstsysteme. Das heißt, wir begegnen uns ständig selbst, kreisen dabei um unsere eigenen Themen - und das meist im Kopf. So fangen wir an, uns um uns selber zu drehen und verlieren uns dabei.


Wir finden uns in Begegnung


Die Begegnung mit anderen ist der Spiegel, in dem wir uns erkennen können. Das was unser Gegenüber in uns sieht, können wir auch auf einmal wahrnehmen. Und so weitet sich das enge Bild unseres Selbst wieder und kann tief durchatmen.


Die Begegnung mit dem Computer und auch die Begegnung über den Computer oder das Smartphone ist nur ein virtueller Ersatz für das echte Ding. Ganz einfach, weil Kommunikation mehr beinhaltet als das gesprochene Wort. Wirklich spüren tun wir uns, wenn wir uns wieder gegenüber sitzen und jede Nuance in der Reaktion des Gegenübers Teil des lebendigen Austauschs ist.


Die Freude meiner Tochter, ihre Freundinnen wieder in echt sehen zu können, ist riesig. Sie strahlt den ganzen Tag. Die Erleichterung meiner Frau mit ihren Schülern wieder direkt in Beziehung und Resonanz gehen zu können, ist enorm.


Und mir geht es genauso. Menschliche Beziehung ist gespürte Resonanz. Dafür braucht es einen Resonanzraum, den man gemeinsame betritt - und der ist virtuell nicht zu haben.


Ich freue mich, wenn wir uns wieder daran gewöhnen, was es heißt auf diese Art und Weise menschlich miteinander verbunden zu sein. Und ich freue mich, wenn der Virus eine große Bewusstheit hinterläßt, wie wichtig direkte menschliche Begegnung für uns alle ist.


Übung


Die Übung für diese Woche ist klar. Sich wieder hinter dem Computer heraus zu schälen und jeden Tag aktiv zu schauen, wo ich persönlich in Kontakt gehen kann. Mit aller Umsicht, die dazu gehört, sich dabei verantwortungsvoll zu verhalten - aber mit der Möglichkeit seinen Freunden wieder direkt in die Augen zu schauen.