top of page

Überidentifikation mit Gefühlen

"Have an emotion, but don't become your emotion." Habe ein Gefühl, aber werde es nicht. Was bedeutet dieses Zitat aus der Sicht der Achtsamkeit und Psychologie?

Überidentifikation mit Gefühlen I Achtsamkeit Blog

Ich habe ein Gefühl, oder das Gefühl hat mich


Unser Gehirn achtet ständig darauf, ob wir sicher sind oder von irgendwo Gefahr droht. Erinnert im Jetzt etwas an eine frühere Situation, in der ich richtig viel Angst hatte, schlägt ein Angstmelder in mir Alarm und ich komme unwillkürlich in eine Flucht- oder Kampfreaktion. Das ist ein unbewusster Vorgang, dem ich nicht ausweichen kann.


Das Gefühl, in das ich komme, kann mich geradezu gefangen nehmen. Angst, Misstrauen, Eifersucht, Neid, Scham, Wut, Selbstkritik, Ohnmacht, das Gefühl, dass alle etwas gegen mich haben, ..... Solche Gefühle besetzen dann meine ganze Wahrnehmung und ich kann mich nicht einfach von ihnen befreien.


In dem Moment "habe" ich kein Gefühl mehr, sondern das Gefühl "hat" mich. Ich bin dann die pure Emotion und ich kann nicht mehr richtig denken.


Ganz in so einem Gefühl zu verschwinden, nennt man Überidentifikation.


Manchmal bezieht sich so eine Überidentifikation auf eine Situation, manchmal prägt mich eine Angst machende Situation so nachhaltig, dass die Überidentifikation zu einem Teil meiner Persönlichkeit wird. Ob es so etwas in meinem Leben gibt, ist immer schön darin zu sehen, wie zugänglich mir das Gegengefühl ist. Ist das Gegengefühl tabu, bin ich in einer permanenten Überidentifikation.


Bin ich in einem inneren Gleichgewicht, habe ich zu beiden Polen - zum Gefühl und seinem Gegengefühl eine gleich gute Beziehung.


Ich erlebe einen Selbstverlust


Wird in der Angstreaktion ein Gefühl in mir sehr groß, werde ich unweigerlich von meinen anderen Gefühlen, von der Möglichkeit zu Empathie und Herzlichkeit abgeschnitten. So kommt es in dieser Stress- und Angstreaktion zu einem tatsächlichen Selbstverlust. Nicht umsonst heißt es, dass man nach einem Konflikt irgendwann wieder zu sich kommt und dann bereut, was man gesagt oder getan hat.


In einer starken Angstreaktion kann ich nur noch die Perspektive dieses einen Gefühls in mir wahrnehmen, das so groß geworden ist.


Sobald dieses Gefühl mich im Griff hat, bin ich in gewisser Weise ein Gefangener einer alten Situation, auf die ich gerade reagiere - und ich verliere dadurch den objektiven Blick auf meine jetzige Wirklichkeit.


Wie komme ich da wieder raus?


Wie komme ich wieder zu mir? Wie kann ich wieder auch andere Gefühle wahrnehmen und wie komme ich dazu wieder klar denken denken zu können?


Es gibt viele mögliche Wege raus aus solchen Situationen. In heutigen Beitrag möchte ich nur einige ansprechen.


a) Eine Möglichkeit ist, wirklich ganz "bewusst" die Überidentifikation aufzulösen. Bin ich einer Überidentifikation, sage ich: "ich bin eifersüchtig, ich bin neidisch, ich bin wütend."


Benenne ich hingegen ein Gefühl, das in mir ist, gibt es auf einmal ein Ich-Bewusstsein "und" ein Gefühl. Das kann ein sehr hilfreicher Schritt raus aus der Identifikation sein.


Ich sage dann zu mir: "Da ist ein Gefühl von Wut, Eifersucht oder Neid in mir." Auf einmal gibt es einen Beobachter. Jemand, der das Gefühl wahrnimmt. In diesem Moment löse ich die Identifikation und das Gefühl verliert an Macht. Ab da habe ich wieder ein Gefühl, aber ich bin nicht mehr das Gefühl.


b) Jedes Gefühl, das mich hat, geht im Körper mit einer Anspannung und Verengung einher. Und das sorgt dafür, dass ich nicht mehr tief atmen kann. Die Einatmung und das Halten von Atem ist betont, die Ausatmung verflacht.


Alle Gefühle, die mit Angst zu tun haben, lösen Anspannung aus.


Gelingt es mir, die Anspannung bewusst wahrzunehmen und bewusst zu lösen, indem ich die Muskeln loslasse, bewusst tief einatme und die Ausatmung, die mit einer Entspannung einhergeht, zu verlängern, dann parkt sich mein Gehirn aus dem Gefahrenmodus aus und ich kann die Situation wieder objektiver beurteilen. Ich verbinde mich so wieder mit der äußeren Realität und kann wieder beurteilen, ob überhaupt in der jetzigen Situation eine Gefahr da ist.


Die Sensibilisierung auf die Körperwahrnehmung und die bewusste Regulation bei Überidentifikation über den Körper und den Atem sind große Stärken der Achtsamkeit. Wer diese Fähigkeit für sich einüben und stärken möchte, dem empfehle ich den Besuch des sogenannten MBSR Kurses.


c) Wenn ich von einem Gefühl vereinnahmt werde, ist es wichtig, wieder gut zu mir zu finden. Auch wenn ich nicht weiß, was die starke Reaktion in diesem Moment ausgelöst hat, ist es hilfreich, aus der Situation rauszugehen, die diese Angst auslöst. Dann kann sich das System wieder beruhigen und nach und nach entspannen.


d) Kann ich darüber hinaus noch Kontakt zu jemandem machen, dem ich vertraue und bei dem ich mich sicher fühle, wo ich Halt finde, dann kann mich das zusätzlich beruhigen.


Das sind vier Möglichkeiten, ganz konkret der Überidentifikation mit Gefühlen zu entgehen und wieder gut zu sich zu kommen.


Have an emotion, but don't become your emotion.


Habe ein Gefühl, aber werde es nicht.

 

Übung:


Die Stärke der Achtsamkeit liegt darin, ganz bewusst seinen Fokus auf einer Sache zu halten und damit Erfahrung zu sammeln.


Die vier beschriebenen Strategien sind Angebote, mit einer Situation, in denen mich ein Gefühl vereinnahmt, bewusst anders umzugehen. Wer mag, kann sich eine der vier Strategien aussuchen und sie in den nächsten Tagen neugierig ausprobieren.

662 Ansichten

Über Präsenz und die Illusion der Zeit von Alan Watts

We are living in a culture entirely hypnotized by the illusion of time, in which the so-called present moment is felt as nothing but an innfinitesimal hairline between a causative past and an absorbin

Comments


bottom of page