Vom Fokus und dem Offenen Gewahrsein


Im Lernen der Achtsamkeitsmeditation arbeitet man sich Schritt für Schritt vor. Man beginnt damit, seine Aufmerksamkeit bewusst auf einen Fokus zu lenken - auf den Atem, auf Geräusche oder Körpergefühle. Gleichzeitig beobachtet man welche Gedanken und Gefühle auftauchen.

Irgendwann verbindet man alle diese einzelnen Wahrnehmungen zu einer ganzen Wahrnehmung, in der alle Sinneseindrücke, Gedanken, Gefühle und Körpergefühle gleichzeitig in einem weiten Fokus Platz finden. Diese Wahrnehmung nennt man in der Achtsamkeit offenes Gewahrsein.

Ich möchte in diesem Beitrag darüber schreiben, wie diese Erfahrungen auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Augenblick verbinden.

Über die Sinne den Augenblick finden

Beginnt man mit achtsamer Meditation, steht der willentliche Fokus auf "eine" Sinneserfahrung im Vordergrund. Während unsere Gedanken und Gefühle sich meist mit etwas beschäftigen, was in der Zukunft oder Vergangenheit passiert, ist unser Körper - und damit jede Sinneswahrnehmung immer im Jetzt.

Ich verbinde mich also automatisch mit dem Augenblick, wenn ich darauf achte, was ich sehe, was ich höre oder was ich in meinem Körper gerade im Augenblick spüre, .

So komme ich ganz von allein in eine Präsenz. Zukunft und Vergangenheit treten in den Hintergrund.

Lernen den Fokus zu halten

In der Regel ist der erste Fokus das bewusste Wahrnehmen des eigenen Atems. Das regelmäßige Ein- und Ausströmen der Luft und die Körperempfindungen, die damit einher gehen.

Wesentlich ist dabei, daß ich lerne mit meinem Fokus beim Atmen zu bleiben und nicht meinen ständig laufenden Gedanken zu folgen. Wir sind in unserer Kultur so sehr mit unseren Gedanken identifiziert, daß wir ihnen gerne folgen, wohin auch immer sie gehen.

Unsere Gegenwart, unsere Präsenz und unser Körper verschwinden hingegen oft aus unserer bewussten Wahrnehmung.

Alan Watts beschreibt diesen Schritt in die Meditation in einem Zitat sehr pointiert: "To come to your senses, you have to get out of your mind."

Identifikation mit dem Beobachter

Werde ich darin geübt meinen Fokus willentlich bei meinem Atem zu halten und zu meinen Gedanken ein bisschen Abstand zu bekommen, wechsle ich in der Meditation auch zu anderen Sinneserfahrungen. Zu den Geräuschen oder zu den Körperempfindungen. Ich lerne Stück für Stück, daß ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf jede einzelne meiner Sinneserfahrungen lenken und sie so beobachten kann.

Und ich lerne, daß ich auch meine Gedanken und Gefühle beobachten kann. Die Beobachtung jedes einzelnen Teils meiner Sinneswahrnehmung kann mich mit dem Augenblick und mit mir selber in Kontakt bringen. Gelingt es mir beispielsweise mich in stressigen Situationen auf meinen Atem zu fokussieren, kann mich das schnell beruhigen, entspannen und gut zu mir bringen.

Die Fähigkeit mich bewusst mit dem Augenblick zu verbinden springt mit regelmäßiger Übung Stück für Stück auf meinen Alltag über. Ich bekomme so die Möglichkeit auch in Streßsituationen im Alltag gut zu mir zu kommen.

Der nächste Schritt - das offene Gewahrsein

Die Meditation des offenen Gewahrseins führt ein Stück weiter in die Wahrnehmung des Augenblicks. In dieser Meditation geht man anfangs von gelernten einem Fokus zum nächsten.

Dann gibt es einen Schritt, in dem der enge Fokus geweitet wird. "Alle" Wahrnehmungen des Augenblicks - der Atem, die Geräusche, die Körpergefühle, Gefühle und Gedanken dürfen im weiten Fokus "gleichzeitig" existieren.

Begegne ich allen Wahrnehmungen in der annehmenden Haltung der Achtsamkeit, die den Augenblick genauso annimmt, wie er ist, komme ich ins offene Gewahrsein.

Das offene Gewahrsein ist somit die Wahrnehmung des ganzen Augenblicks mit allem was in ihm auftaucht. Sowohl im Außen, wie auch in mir. Ich nehme den Augenblick in seiner Ganzheit wahr und bin dabei vollkommen klar und präsent.

Gleichzeitig ist das offene Gewahrsein damit verbunden, daß ich in eine tiefe Entspannung komme. In meinem Gehirn werden Alpha Wellen ausgelöst. Damit bekomme ich Zugang zu meiner Intuition und Kreativität. Im offenen Gewahrsein bin ich mit mir selbst und meiner Umgebung in optimaler Verbindung.

Das offene Gewahrsein im Alltag

Die Meditation der Achtsamkeit ist ja immer auch eine Übung für den Alltag. So kann ich auch im Alltag in eine Wahrnehmung des offenen Gewahrseins kommen. Wie in der Meditation braucht es auch hier die bewusste Entscheidung sich mit dem offenen Gewahrsein zu verbinden.

Bin ich in einem Gespräch, kann ich bewusst die Wahrnehmung des Raums dazu nehmen, meine Eigenwahrnehmung, meine eigenen Gefühle und Gedanken - während ich gleichzeitig noch bei meinem Gegenüber bin.

Diese Form der Wahrnehmung scheint anfangs unvorstellbar. Aber mit der Übung kommt die Erfahrung, daß ich gleichzeitig bei mir und beim Anderen sein kann. So kann ich mich auch im Alltag mit der Ganzheit des Augenblicks verbinden.

Das geht, solange ich mit dem was ist in Einklang bin. Sobald ich mit einem Aspekt des Augenblicks in Konflikt komme, verengt sich mein Fokus sofort wieder.

So ist das offene Gewahrsein im Alltag eine hohe Kunst. Dort, wo es gelingt, ist es die Erfahrung absoluter Präsenz.

Das offene Gewahrsein in der Natur

Das offene Gewahrsein entsteht in der Natur oft auf ganz natürliche Art. Die Wahrnehmung wird weit. Gleichzeitig bin ich bewusst bei mir. Genau diese Sinneserfahrung macht es so angenehm, wenn man alleine durch einen Wald geht, wenn man am Strand sitzt und aufs Meer hinaus blickt - oder im Gebirge in die Weite schaut.

Solange nicht von irgendwoher ein Geräusch oder eine Bewegung kommt, die mit Gefahr verbunden ist, bleibe ich in der Natur in dieser weiten, entspannenden Wahrnehmung und Eigenwahrnehmung. Höre ich ein seltsames Geräusch oder rennt auf einmal ganz in der Nähe ein Fuchs aus dem Unterholz, wird mein Fokus sofort eng. Ich fokussiere sofort auf die potenzielle Gefahr.

Enger Fokus ist also immer in einem Maß mit Gefahr und Anspannung verbunden. Das offene Gewahrsein kann nur dort entstehen, wo wir mit uns und unserer Umgebung vollständig in Einklang sind.

Der Weg ins offenen Gewahrsein

Das offene Gewahrsein läßt sich nicht einfach so einschalten. Es läßt sich nicht konsumieren. Der Weg ins offene Gewahrsein führt über die Übung der Meditation in der Achtsamkeit.

Er führt über die Verinnerlichung der Haltung der Achtsamkeit. Denn nur wenn ich lerne den Augenblick mit allem was sich in ihm zeigt ohne Wertung und Urteil anzunehmen, gelingt dieser Zustand.

So ist die Übung des offenen Gewahrseins in der Meditation, wie auch im Alltag eine hohe Kunst.

Wo diese Übung gelingt, ist es eine besondere Erfahrung.

Am Ende dieses Beitrags noch ein link zu einer angeleiteten Meditation des offenen Gewahrseins.