Unsere Gefühle wieder fühlen


In der Achtsamkeit heißt es oft, daß wir unsere Gefühle annehmen. Daß wir sie halten, solange bis sie vorüber gehen. Darin machen wir die Erfahrung, daß alle Gefühle, auch die, die uns unangenehm sind, vorbei gehen - daß es wieder anders wird - da alle unsere Gefühle vergänglich sind.

Für mich sind bei diesen Formulierungen immer falsche innere Bilder entstanden. Das Halten von Gefühlen bis sie wieder vergehen hat sich für mich angehört wie ein "aus"halten, bis sie vorbei gehen. Wie ein - "nachher ist es dann wieder gut".

"Unsere Gefühle annehmen wie sie sind, einfach weil sie da sind" - das hat für mich danach geklungen, daß wir ja sagen zu einer Erfahrung, nur weil wir erkennen, daß wir ihr nicht ausweichen können.

Heute komme ich für mich zu einem anderen Verständnis von "Halten" und von "Annehmen" von Gefühlen. Dieses Verständnis geht nicht davon aus etwas auszuhalten bis es vorbei ist - sondern es geht davon aus, daß ich in der Meditation lerne die Gefühle anzunehmen, indem ich sie fühle und sie dadurch wieder als zugehörig und gut erkenne. Insbesondere die, die mir unangenehm sind.

Im Folgenden eine kleine Betrachtung wie ich heute auf das Thema schaue.

In der richtigen "Haltung" meditieren

Jedes Gefühl ist mit einer Körperhaltung verbunden. Die aufrechte Haltung in der Sitzmeditation verbindet uns über den Körper mit einem Gefühl der inneren Klarheit, die gleichzeitig fokussiert und entspannt ist. Im Stehen findet sich diese Haltung in der sogenannten Berghaltung wieder, die ebenfalls aufgerichtet und ganz im Gleichgewicht ist. In dieser Haltung bin ich gleichzeitig bei mir und mit dem außen verbunden. Ich bin offen, habe aber gleichzeitig eine Grenze.

Die Tiefenmuskeln an der Wirbelsäule halten den Oberkörper aufrecht, alle anderen Muskeln am Rücken, um den Schultergürtel, am Nacken können sich entspannen. Diese Körperhaltung führt dazu, daß wir uns nicht mit einem bestimmten Gefühl ganz identifizieren und von ihm völlig vereinnahmt werden. Wir sind in dieser Haltung mit allen unseren Gefühlen - auch mit unserem Körpergefühl verbunden.

Die aufrechte Haltung in der Meditation ist für mich eng verbunden mit einer inneren Haltung, in der wir etwas "halten" können - so wie eine Mutter ihr Kind hält - ihm Halt gibt, und damit Sicherheit und Geborgenheit. In dieser Haltung bleiben wir immer ganz bei uns - sogar wenn wir uns mit etwas verbinden, was uns sonst vielleicht aus dem Gleichgewicht bringt. Dadurch können wir in ihr auch Gefühle halten, die uns sonst vereinnahmen würden - die uns sonst fluten und uns aus der Fassung bringen würden.

Diese Haltung in der Meditation erlaubt uns auch unangenehmen Gefühlen gegenüber zu sagen - du darfst sein wie du bist. Ich kann dich halten. Dir einen sicheren Raum geben, in dem du sein darfst. In dieser Haltung ein Gefühl anzunehmen, heißt es zu umarmen und ihm Halt zu geben, daß es sich entfalten kann, daß es sich entspannen kann - daß es sich zeigen darf, ohne die Gefahr zurückgewiesen zu werden. Das ungeliebte Gefühl entspannt sich, während es gehalten wird - so wie ein Kind in der Armen seiner Mutter.

Das Fühlen von Gefühlen

Wenn wir Gefühlen, die wir sonst nicht annehmen können in der Meditation Halt geben, beginnt sich etwas zu lösen. Erst lösen sich auf körperlicher Ebene die Muskeln. Und mit dem Lösen dieser Muskeln beginnen wir das Gefühl wirklich zu spüren. Wir sind nicht mehr von ihm getrennt. Wir erlauben in dem Moment dem Gefühl ganz Teil von uns zu werden. Indem wir es spüren, nehmen wir es komplett an. Es wird integriert.

Das Fühlen der Gefühle wirkt weiter lösend - die Muskeln halten nicht mehr fest, um das Gefühl nicht spüren zu müssen. Und so machen wir die Erfahrung, daß es gut ist, das Gefühl zu spüren. Diese Erfahrung wird durch eine neue neuronale Verbindung im emotionalen Gehirn gespeichert. Machen wir die Erfahrung öfter, lernt unser emotionales Gehirn, daß mit dem Fühlen dieses Gefühls keine Gefahr, sondern etwas Angenehmes verbunden ist. Ist diese Erfahrung abgeschlossen, ist das Gefühl tatsächlich auch im Alltag wieder integriert. Wir können dann auch im Alltag entspannt mit ihm leben.

Mit dem Körper in Kontakt sein

Meditation wird oft als rein geistige Übung gesehen - aber sie ist in der Tiefe eine sehr körperliche Übung.

Es erfordert Übung und Geduld in der Meditation in die Haltung zu finden, die den oben beschriebenen Prozeß gut ermöglicht.

Es sind ganz kleine Abstimmungen in der Sitzhaltung, die dazu führen, daß man fest, aufgerichtet und gleichzeitig entspannt sitzen kann.

Daß alle Muskeln des Rückens und der Schultern loslassen können, während die Wirbelsäule von der Tiefenmuskulatur aufrecht gehalten wird.

Daß man ganz gerade sitzt und mit den Rückenmuskeln keine Neigung zu irgendeiner Seite halten muß. Durch Übung wird man sich dieser Haltung immer bewußter. Das heißt, daß man sie auch im Alltag sowohl im Sitzen als auch im Stehen immer bewußter einnehmen kann, und schließlich automatisiert.

Jede emotionale Änderung in uns löst sofort eine Veränderung im Körper aus. Alles was uns streßt, löst Anspannung aus - alles was uns angenehm ist, löst Entspannung aus. In der beschriebenen Haltung können wir Anspannungen viel klarer wahrnehmen, wenn wir uns darin üben alles bis auf die Tiefenmuskulatur entspannt zu lassen.

Das Wahrnehmen von Anspannung funktioniert nur durch den Kontrast gut - wenn ich den Übergang von Entspannung zu Anspannung wahrnehmen kann. Solange Muskeln permanent verspannt sind, kann ich Veränderung in dem Bereich nur schwer oder gar nicht wahrnehmen. Darum ist es so wichtig in der Achtsamkeit immer auch über Yoga Muskeln zu dehnen und anzuspannen, um sie zu lockern und dadurch den Körper wieder spürbar zu machen.

Das Schöne an dieser Art mit dem Körper zu arbeiten ist, daß sich die Verspannungen im Körper und die damit verbundenen gehaltenen Gefühle nicht auf einmal lösen. Es braucht Zeit. Und so können wir in der Meditation auch Stück für Stück das integrieren was sich zeigt und werden nicht überwältigt.

Verschiedene Emotionen werden in verschiedenen Bereichen des Körpers gehalten

Verschiedene Belastungen äußern sich in verschiedenen Teilen des Körpers. Manches lastet uns auf den Schultern, sitzt uns im Nacken, schlägt uns auf den Magen oder läßt uns den Atem halten. Bestimmte Gefühle sind mit bestimmten Körperregionen verbunden. Werden Anspannungen permanent, entstehen daraus Verspannungen. Und so kommen wir auch permanent in bestimmte Gefühlslagen. Bleiben diese Verspannungen über längere Zeit aufrecht, prägen sie unsere Persönlichkeit, und damit unser Bild von der Wirklichkeit.

Jede Anspannung unterdrückt ein Gefühl, das wir in diesem Moment nicht spüren wollen. Diese Erfahrung mit unserem Bewußtsein zu verbinden ist für mich in der Praxis der Achtsamkeit essenziell.

Gleichgewicht zwischen Denken und Fühlen

Durch Anspannung und Entspannung ist unser Körper sozusagen der sichtbare Ausdruck unseres emotionalen, unbewußten Gehirns. Mit ihm in Kontakt zu sein gibt uns zu jeder Zeit einen Blick in unser Unbewußtes, das unsere Handlungen im Alltag zu 90% bestimmt.

So schafft das Bewußtsein über die Körperreaktion mit der Zeit einen Ausgleich zwischen Denken und Fühlen. Die beiden kommen ins Gleichgewicht. Darin besteht heute für mich die Übung der Achtsamkeit.

Je mehr Gefühle wir integrieren, desto weniger lenkt uns im Alltag von der Präsenz im Augenblick ab. Alles womit wir emotional in Konflikt kommen unterbricht die Beziehung zum Augenblick wie er ist. Je mehr wir emotional integrieren können, desto präsenter sind wir im Alltag, da wir nicht von unseren inneren Konflikten vereinnahmt sind.

Körper und Geist

In der Achtsamkeit nimmt die Körperarbeit einen großen Platz ein. Mit Yoga, Bodyscan und Gehmeditation. Über Körperarbeit eine bewußte Beziehung zu unserem Körper zu bekommen ist ein wesentlicher Teil der täglichen Praxis.

"Werde, der du bist" (Friedrich Nietzsche) ist ein Lieblingszitat von mir. Was ich in Bezug auf Achtsamkeit damit verbinde ist, daß wir mit Hilfe von Meditation in der Achtsamkeit Stück für Stück all das wieder einsammeln und uns mit ihm verbinden können, mit dem wir in uns nicht mehr in Beziehung sind. So ist für mich die Praxis in der Achtsamkeit ein Weg zur Ganzheit.

Unsere äußeren Konflikte sind ein Spiegel unserer inneren Konflikte. Können wir innere Konflikte lösen, verschwinden mit ihnen auch die äußeren.