Präsent sein - was bedeutet das eigentlich?

Präsent sein - im Hier und Jetzt sein - mit allen Sinnen anwesend sein - das sind Schlagworte, die im Zusammenhang mit Achtsamkeit immer wieder vorkommen. Der Zustand der Präsenz ist sozusagen das Herzstück der Achtsamkeit.


Präsent sein bedeutet an der Basis mal, mit meiner Aufmerksamkeit wirklich in diesem Augenblick zu sein - mit allen Sinnen und mit meinem Bewusstsein - statt physisch anwesend und dabei gleichzeitig emotional und mit meiner Aufmerksamkeit woanders.


In diesem Beitrag möchte ich ein bisschen tiefer darin eintauchen, was Präsenz eigentlich ausmacht. Im Zentrum der Präsenz steht dabei eine Wahrnehmung, in der scheinbare Gegensätze zu einer Einheit finden. Innen und außen, Du und ich finden in der Präsenz in eine Aufmerksamkeit, die beides umschließt.

Präsent sein - was bedeutet das eigentlich? I Achtsamkeit Blog

Ganz bei mir sein


Ganz bei mir sein zu können bildet dabei interessanterweise die Grundlage von Präsenz. Dabei steht "ganz bei mir sein können" für einen umfassenden körperlichen und emotionalen Zustand. Nämlich den einer tiefen Entspannung. Wenn tatsächlich alle meine Muskeln in der Tiefe entspannen können, kommt mein Körper in einen Zustand, in dem er komplett verbunden ist. In diesem Zustand bin ich ganz in meinem wahren Selbst. Ich bin mit allem verbunden, was emotional und körperlich in mir lebendig ist und mit nichts davon in Konflikt.


Nur in der Entspannung - nur, wenn ich mich sicher fühle, wird das sogenannte Social Engagement System aktiviert. Nur dann kann ich wirklich in Beziehung sein - und zwar mit mir und mit anderen.


Ganz bei mir zu sein hat dabei nichts mit Egoismus zu tun. Es hat nur damit zu tun, dass ich in mir mit meiner ganzen momentanen Erfahrung präsent sein kann. Es hat damit zu tun, dass ich mich als Ganzes spüre. Dass ich "gleichzeitig" meinen Körper, meine Gefühle und meinen Verstand, so wie sie gerade sind, zulassen kann und mir aller drei bewusst bin.


In diesem Zustand bin ich mit mir selbst präsent. Dieser Zustand unterscheidet sich von unserer gewohnten Alltagswahrnehmung. Denn nur unser Verstand ist uns bewusst. Die Achtsamkeit hebt Körper und Gefühle in die Bewusstheit. So komme ich in eine ganzheitliche Wahrnehmung meiner selbst.


Wann bin ich nicht bei mir?


Angst führt immer in Anspannung. Jede Anspannung führt dazu, dass Beziehung und Selbstbeziehung unterbrochen wird. Je mehr Anspannung und Angst, umso stärker. Das ist einfach ein biologischer Schutzmechanismus.


Lang gehaltene Anspannungen führen zu Verspannungen. Diese Verspannungen trennen uns nachhaltig von uns selbst und halten uns in unangenehmen Konfliktgefühlen. In der Anspannung können wir nur noch einen kleinen Ausschnitt unserer Gefühle verkörpern. Da wir in der Regel alle Stress, Konflikten und Angst ausgesetzt sind, die wir nicht mehr körperlich ausleben, bewohnen wir alle in verschiedenem Ausmaß Körper, die sich nicht mehr in der Tiefe entspannen können.


Im Zustand der Anspannung erlebe die Umwelt immer in einem Maß als feindlich. Ich komme schnell in Urteil und Wertung, Vorwurf und Anspruch, in Aggression oder ich ziehe mich in mich zurück.


Ganz bei mir sein zu können entsteht also nicht dadurch, dass ich mich "einfach mal" entspanne - denn mein Körper hat in der Regel die Fähigkeit verloren, das ganz tun zu können. Ganz zu mir kommen zu können wird zu einer Übung, in der ich Stück für Stück wieder in meinen Körper und in das Spüren meiner selbst komme. Und in den Einklang mit dem, was mir da begegnet.


Zu mir zu finden beinhaltet also aus Sicht der Achtsamkeit immer, ganz in meinen Körper und in meine Gefühle zu finden und beide so annehmen zu können, wie sie sind.


"Ich denke, als bin ich" - dieses Zitat von Renee Descartes ist aus Sicht der Achtsamkeit einfach eine sehr eingeschränkte Ich-Identifikation.


Ich denke, fühle und nehme wahr - also bin ich, würde die Achtsamkeit sagen.


Ganz bei mir sein = Ganz im Außen verbunden sein


Gelingt es mir mithilfe der Achtsamkeit oder anderer Zugänge wirklich zu mir zu kommen, mache ich eine interessante Entdeckung. Ganz bei mir zu sein führt in die Herzlichkeit und verbindet mich daher mit dem Außen. Wo Selbstbeziehung gelingt, gelingt auch Beziehung.


Gleichzeitig übe ich in der Haltung der Achtsamkeit, inneren und äußeren Stressoren so zu begegnen, dass ich weiter in mir ruhen kann - dass ich meinen Raum nicht verliere und meine Grenze wahren kann. Gelingt das, bleibe ich auch in schwierigen Situationen ganz in der Präsenz. Ich kann auch in Konflikten hinschauen, ruhig bleiben und in Beziehung bleiben, ohne meinen eigenen Raum zu verlieren.


Der eigene Körper und die eigene Psyche wird so in der Achtsamkeit zu einem Anker. Ich finde in mir Halt, auch wenn im Außen gerade alles drunter und drüber geht.


So kann ich mit allen Sinnen mit mir "und" der Situation, in der ich mich gerade befinde, präsent sein. Dieser Zustand führt in ein Leben, das sich sinnvoll anfühlt. Denn ich kann mit allen Sinnen mit mir und im außen verbunden bleiben.


So ist die Selbstbeziehung die Grundlage dafür, dass ich in Situationen "gleichzeitig" mit mir und dem Außen verbunden sein kann.


Die "gleichzeitige" Präsenz im Innen und Außen ist die achtsame Wahrnehmung.


Bei mir zu sein und im Außen verbunden zu sein ist in dieser Präsenz kein Widerspruch. Die beiden werden zu einer Einheit.


Jeder kennt diesen Zustand. Nämlich von überall dort, wo er herzlich und gut in Beziehung war, sich sicher und geborgen gefühlt hat. Dort werden Innen und Außenwelt zu einer Einheitserfahrung. Aber wenn wir mit uns oder dem Außen in Konflikt sind, löst sich die Einheitserfahrung auf. Dann bin ich entweder bei mir "oder" im Außen. Dann gilt dein Bedürfnis, "oder" meines.


In diesem Zustand gehen Herzlichkeit, Beziehung und Empathie verloren. Ich fühle mich dann getrennt, allein und unverstanden.


Präsenz = alles zulassen können


So bedeutet echte Präsenz, dass meine innere "und" die äußere Wirklichkeit in mir stattfinden darf, ohne dass ich damit in Konflikt bin. Alles anzunehmen, wie es ist, ist eine der Grundhaltungen der Achtsamkeit. Dabei geht es immer darum, mich und meine Gefühle genauso anzunehmen, wie die Situation, mit der ich im Außen gerade konfrontiert bin.


In der wahren Präsenz bin ich dazu fähig, zwei Perspektiven gleichzeitig sein zu lassen. Ich kann Gegensätze als Einheit zu sehen, die sich bedingen und nicht widersprechen.


Ich bleibe mitfühlend mit mir selbst "und" meinem Gegenüber verbunden.


Und ich bleibe mit der Ruhe in mir verbunden.


Selbstachtung und Achtung vor dem gegenüber finden in ein Gleichgewicht.


Mein Bedürfnis "und" dein Bedürfnis sind gleich wichtig. Wie geht es mir mit