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In Einklang mit mir sein - Teil 1 - mein Gehirn

In Einklang mit mir zu sein, klingt angenehm. Es entsteht sofort ein Gefühl von Gelassenheit, Entspanntheit, das Leben ist in Ordnung.


Interessant ist, wie Einklang und Gelassenheit biologisch in mir aussieht. Was muss in meinem Gehirn und in meinem Körper passieren, damit ich in Einklang mit mir kommen kann?


Verbindung und Kongruenz


Wo immer ich mich sicher fühle, entstehen in mir verbundene Zustände, sowohl in meinem Gehirn, wie auch in meinem Körper. Alles wird in einem guten und konstruktiven Gleichgewicht gehalten und Energie kann fließen.


In einem Zustand von Kongruenz und Verbindung nutze ich meine Psyche und meinen Körper optimal. So kann ich produktiv sein, ohne mich zu erschöpfen und gleichzeitig entspricht Verbindung und Kongruenz dem Zustand optimaler Selbstbeziehung und der Fähigkeit zu Mitgefühl und Herzlichkeit in Beziehung.


Mein Körper ist in dem Zustand entspannt und flexibel, ich habe eine gute Grenze und bin gleichzeitig offen und zugewandt.


Was mich von diesem Zustand trennt, ist immer die Angst. Denn jede Form von Angstreaktion unterbricht Verbindung und Kongruenz, unterbricht Selbstbeziehung und Beziehung. In der Angst verliere ich meine Grenze, werde angespannt und rigide, empfinde die Welt als bedrohlich und verliere die Fähigkeit zu Mitgefühl und Verständnis für mich selbst und mein Gegenüber.


Was passiert dabei im Gehirn?


Wir haben als Menschen drei Bereiche des Gehirns, die ganz unterschiedlich arbeiten. Alle drei steuern auf unterschiedliche Weise unser Verhalten, unsere Gefühle und unsere Reaktionen. Der evolutionsbiologisch älteste Teil ist das sogenannte Reptiliengehirn.

In Einklang mit mir sein - Teil 1 - mein Gehirn I Achtsamkeit Blog

Reptiliengehirn


Hier sind Instinkte und Triebe zu Hause und die funktionale Steuerung aller Körperfunktionen. Dieser Teil ist nicht nur der Älteste, sondern auch der, der mit Abstand am schnellsten auf äußere Situationen reagiert. Wenn es zu einer Gefahrensituation kommt, die ich als sehr bedrohlich empfinde, schaltet sich hier der Kampf- und Fluchtmodus ein. In diesem Modus will ich kämpfen oder weglaufen. Sowohl der Kampf, wie auch die Flucht dienen dazu, möglichst schnell die Quelle der Angst zu aus meinem Leben wegzubekommen, damit ich mich wieder sicher fühlen kann.


Emotionales Gehirn


In diesem Teil des Gehirns sind alle Erfahrungen, die wir gemacht haben, mit den Gefühlen abgespeichert, die uns in der damaligen Situation am besten geschützt haben. Sicherheit, Überleben und Zugehörigkeit sind die Themen, die unser emotionales Gehirn beschäftigen. Alle Situationen, die in der Vergangenheit mit Angst, Zwang, Gewalt, Schuld, Scham, Gefahr, .... verknüpft sind, werden mit einem Gefühl verknüpft, das uns sofort sagt, dass wir da weg müssen. Alle angenehmen, schönen, liebevollen, freudigen Erlebnisse werden mit Gefühlen verknüpft, die mich gerne auf sie zugehen lassen.


Das emotionale Gehirn wird auch Säugetierhirn genannt. Denn das Überleben von Säugetieren ist von der Gruppe abhängig. Sie Emotionen, um sich sozial orientieren zu können und herauszufinden, wodurch sie in der Gruppe sicher sind. Das ist die ursprünglichste Funktion von Emotionen.

Denkendes Gehirn


Das denkende Gehirn hat nur der Mensch. Dieses Gehirn kann Simulationen über die Zukunft machen, planen und strukturieren und endlose Möglichkeiten in der Fantasie hervorbringen, indem es bewusst unterschiedliche Elemente zu Neuem zusammenfügt.


Zudem kann sich dieser Teil des Gehirns selber wahrnehmen und daher auch sich selbst und das eigene Verhalten reflektieren, alternative Möglichkeiten auch vergangener Ereignisse simulieren. Hier liegt sowohl die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mitfühlend zu sein, als auch die Fähigkeit, sich an abstrakten, ausgedachten Konzepten und Geschichten zu orientieren.


Zusammenarbeit - Verbindung - Kongruenz im Gehirn


Wenn wir uns sicher fühlen und gut mit uns selbst und anderen in Beziehung sind, dann sind diese drei Gehirnteile so miteinander verschalten, dass sie optimal zusammen arbeiten. Die Instinkte und das emotionale Gehirn reagieren zwar wesentlich schneller als das denkende Gehirn auf die Umwelt. Aber wenn alles sicher ist, arbeiten alle drei Gehirnteile gut zusammen.


Wenn wir gut bei uns sind, spüren wir uns, sind mit unseren Instinkten "und" Gefühlen verbunden "und" können Dinge aus verschiedenen Perspektiven reflektieren, die wir mit der erlebten Vergangenheit, sowie der vorgestellten Zukunft gut abstimmen. Diesen Zustand im Gehirn nennt man auch Kongruenz.


In diesem Zustand bin ich die beste Version meiner selbst. Mein Gehirn arbeitet im Zustand der Kongruenz 30% schneller, verbraucht dabei weniger Energie, ich bin 30% produktiver, ich bin gut mit meiner Intuition, mit meiner Kreativität, mit meinen Impulsen "und" mit meinem Denken verbunden. Und ich kann mit anderen gut in Beziehung gehen.


So schaut Verbindung und Kongruenz im Gehirn aus.


Der Verlust von Verbindung und Kongruenz


Komme ich in eine Angsterfahrung, gehen Verbindung und Kongruenz im Gehirn verloren. Die alten, instinktiven Gehirnteile übernehmen das alleinige Kommando, wenn ich mich in einer Situation bedroht fühle. Das emotionale Gehirn reagiert 3000-mal schneller als das denkende Gehirn und das Reptiliengehirn ist noch schneller. So übernimmt das Reptiliengehirn bei Gefahr das Steuer und bringt mich in den Kampf- oder Fluchtmodus. Dabei wird die Verbindung zum denkenden Gehirn entweder reduziert oder bei stärkerer Angst ganz gekappt. Das denkende Gehirn kann sich dagegen nicht wehren. Es wird sozusagen ausgeschalten. Bei Gefahr reagieren meine Instinkte so, dass sie alles für eine körperliche Auseinandersetzung aktivieren. Denken kann ich aus der Sicht des Reptiliengehirns später immer noch.

Man kennt dieses Phänomen von Prüfungen. Ich weiß alles, in der Prüfung weiß ich nichts und nachher ist alles wieder da. Das liegt daran, dass der denkende, reflektierende, zu freiem Willen und Mitgefühl fähige Teil unseres Gehirns bei Angst einfach abgeschaltet wird. Die Gedanken funktionieren nur noch innerhalb des Gefängnisses "einer" alles bestimmenden Angstreaktion, die die Umwelt als bedrohlich empfindet. Dieses Angstgefühl bestimmt dann mein ganzes Fühlen und Denken.


Ich werde in der Angsterfahrung sozusagen zum Tier und kann mich dagegen nicht wehren. Die Kongruenz, das Zusammenspiel aller Hirnteile ist verloren und ich kann die Situation dann über mein Denken nicht mehr steuern. Ich verschwinde je nach Größe der Angst mehr oder weniger stark in einem Gefühl, das mich gerade entführt. Die innere Realität bestimmt dann meine Wahrnehmung und meine Handlungen. Das ist auch der Grund dafür, dass in der Angst oft Gewalthandlungen passieren, in denen sich ein Mensch nachher nicht wiedererkennen kann.


Ich bin in der Angstreaktion tatsächlich nicht mehr ich selbst und habe weder über mein Denken noch über mein Fühlen die Möglichkeit, wieder einen kongruenten und entspannten Zustand zu finden.


Dieses Gefühl nehme ich dann oft als Kontrollverlust und Ohnmacht wahr, was wiederum die Angst vertieft.


Destruktivität und Energieverlust


Solange ich in einem Zustand von Angst gefangen bin, fühle ich mich bedroht und kämpfe subjektiv um mein Überleben. Wenn das passiert, was mein Gegenüber will, dann ist das für mich extrem bedrohlich. Gut zu sehen ist dieser Effekt in den letzten Jahren auch in der Polarisierung politischer Lager. Würden "die anderen" an die Macht kommen, wäre es mein Untergang. Die zerstören alles, was mir wichtig ist und mir ein Gefühl von Sicherheit gibt. Auch auf gesellschaftlicher Ebene zeigen sich also diese Angstmuster. Gegenseitiges Verstehen, Mitgefühl und Verständnis sind dann nicht mehr herzustellen.


Starke Ängste wirken immer destruktiv. Auf individueller Ebene, auf Beziehungsebene und auf Gesellschaftsebene.


Nur wo die Angst wieder kleiner wird, kann Mitgefühl, Verständnis, Herzlichkeit, Großzügigkeit, Einklang mit sich und anderen wieder Einzug halten und mein Gehirn arbeitet wieder kongruent.


Im zweiten Teil der Serie zum Einklang möchte ich zeigen, wie das gleiche Prinzip von Verbindung und Kongruenz, das im Gehirn existiert, eine exakte Entsprechung im Körper hat.


Auch unser Körper kann verbunden, flexibel, kongruent und im Gleichgewicht sein, oder in sich getrennt, unverbunden und erstarrt.


In dem ist unser Körperzustand das exakte Abbild unserer Beziehungserfahrungen. Starke Ängste bleiben sozusagen im Körper hängen - in Form von Verspannungen, die uns in Angstgefühlen festhalten. So wird der Körper sozusagen zu einem Speicher alter Angsterfahrungen, die unsere Wahrnehmung und Persönlichkeit bestimmen.

 

Übung:


Die Übung zu diesem Beitrag ist lediglich eine Bewusstseinsübung. Schau dir die Ereignisse in deinem Leben durch die Brille dessen an, was dieser Beitrag sagt - auf der Ebene der Selbstbeziehung, der Beziehung zu anderen und auf der Gesellschaftsebene.


Wenn du gerade eine Konflikterfahrung, eine Angsterfahrung erlebt hast, schau genau, was in der Erfahrung mit dir passiert ist und ob es mit der Beschreibung in diesem Beitrag übereinstimmt.


Solltest du dich dafür interessieren, wie du die Chancen erhöhst, öfter und tiefer mit dir in Einklang zu kommen, so ist die Achtsamkeit ein hervorragender Weg, Schritt für Schritt in diese Richtung zu gehen.


Wie schon öfter in diesem Blog kann ich dafür das MBSR Kursformat als Einstieg empfehlen. Im Kurs ist ein wesentliches Element, zu lernen, wie ich mich in einer Angstsituation über den Fokus auf meinen Körper wieder in einen kongruenten Zustand bringen kann, in dem ich gut mit mir und anderen in Beziehung bin.









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