Wege aus der Ohnmacht

In starken Konflikten fühlen wir uns oft ohnmächtig. Die Gefühle, in die wir dabei kommen, sind manchmal so stark, daß sie uns über Stunden und manchmal Tagen nicht mehr verlassen. So bleiben wir oft in Gefühlen von Frustration, Wut oder Gereiztheit, auch wenn die Situation, die sie ausgelöst hat, schon lang vorbei ist.


Die Versuche, uns von den Konfliktgefühlen zu befreien, führen meist sogar dazu, daß sich diese Gefühle und Ängste noch verstärken.


Also bleibt im Alltag oft nur abzuwarten, bis sich alles wieder legt.


Die Achtsamkeit arbeitet bei solchen Themen mit der sogenannten "Emotionalen Selbstregulation". Das heißt, ich lerne, wie ich mich aus der Ohnmacht befreien kann.


Macht und Ohnmacht


Die Ohn"macht" ist ein Ausdruck, daß ich nicht wissen, was ich "machen" kann, um wieder gut zu mir zu finden.


Das Wort "Macht" kommt vom Wort "machen". Der, der etwas machen kann, der hat die Macht. Wenn wir uns also ohnmächtig fühlen, haben die Konfliktgefühle in uns die Macht und lassen uns erst wieder aus, wenn sie es für richtig halten.


Emotionale Selbstregulation ist eine Möglichkeit, in einer Konfliktsituation etwas "machen" zu können und sich so aus der Ohnmacht zu befreien.


Erlebe ich einen Konflikt, werden immer meine Grenzen verletzt und ich komme in eine Anspannung. In dieser Anspannung werde ich energetisch von meinem Körper getrennt und mein Kopf versucht irgendwie wieder Herr der Lage zu werden. Doch der Verstand hat leider keinen Zugriff auf Gefühle. Er kann sich Gefühle weder aussuchen, noch kann er sie nach seinen Vorstellungen steuern.


Der Zugang zu emotionaler Selbstregulation liegt interessanterweise im Körper. Und das aus einem guten Grund:


Alle Gefühle werden verkörpert


Wir können unabhängig von unserem Körper nicht in Gefühle kommen. Jedes Gefühl wird über den Körper erzeugt. In jedem Gefühl ändert sich meine Körperhaltung, meine Energie und meine Ausstrahlung.


Ein einfaches Selbstexperiment zeigt, daß ich nur durch und mit meinem Körper fühlen kann: Lächeln und sich dabei traurig zu fühlen ist genauso unmöglich, wie traurig zu schauen und sich dabei zu freuen. Es geht deswegen nicht, weil wir erst über den Körperausdruck in Gefühle kommen.


Diesen Zusammenhang zu erkennen, schafft eine interessante Möglichkeit zur emotionalen Selbstregulation.


In meine Mitte finden


Meditation heißt, in die Mitte finden. Sich zentrieren. Die Haltung der Meditation ist daher nicht zufällig ganz mittig, im Gleichgewicht und dabei gleichzeitig entspannt. Denn diese Körperhaltung verbindet "automatisch" mit emotionaler Zentriertheit.


Diese körperliche Zentriertheit ist der Kern der asiatischen Weisheitstraditionen und auch Kampfsportarten. Wenn ich diese Haltung erkennen und verinnerlichen kann, bringt sie mich in eine optimale Beziehung mit mir selbst und das ist die Basis dafür, daß ich gut mit dem Außen in Beziehung gehen kann.


In dieser Mitte habe ich Zugang zu allen meinen Gefühlen und muss mich nicht ohnmächtig einem Gefühl ergeben, daß gerade explodiert ist. In dieser Haltung habe ich außerdem eine klare Grenze. Ich ordne mich dabei im Konflikt nicht unter und gleichzeitig mache ich mich nicht größer als mein Gegenüber.


Es gibt im Deutschen die Redensart, daß jemand wirklich verkörpert, wofür er steht. Das bedeutet nichts anderes, als dass in einem Menschen das was er sagt, und das was er ausstrahlt kongruent sind. So entspricht also auch die Haltung der Achtsamkeit einem klaren Körperbild.


Alle Gefühle dürfen sein


Die Verbindung mit dieser achtsamen, zentrierten Haltung beinhaltet nie die Abwehr eines Gefühls, das ich nicht haben will. In der achtsamen Haltung bin ich in Verbindung mit allen meinen Gefühlen. Ich bin in einer ruhigen Mitte. Einzelne Gefühle bekommen in dieser Haltung nicht so viel Macht, dass sie mein Verhalten steuern können.


Es dürfen also in dieser Haltung alle Gefühle sein, ohne dass ich das Opfer einzelner Gefühle werde.


Mit einem Gefühl identifizieren


Oft heißt es in der Achtsamkeit, es sei nicht gut, sich mit einem Gefühl zu identifizieren. Was bedeutet dieser Satz?


Wenn ein Gefühl so groß geworden ist, dass ich nur noch dieses Gefühl fühle, daß ich sozusagen nur noch aus diesem Gefühl bestehe, dann verschwinde ich sozusagen in dem Gefühl. Dann bin ich mit diesem Gefühl identifiziert. Von allen anderen Gefühlen bin ich dann abgeschnitten. Und genau das löst das Gefühl der Ohnmacht aus und macht Angst.


Mit einem Gefühl nicht mehr identifiziert zu sein, heißt also nicht, es zu verdrängen. Es bedeutet nur, daß das Gefühl auf eine Größe schrumpft, die mir selbst wieder Platz gibt, mich gut mit mir als Ganzes zu verbinden.


Dieses "wieder ganz zu mir kommen" ist ein Gefühl, daß jeder kennt. Wenn ich wieder "ganz bei mir bin", fällt mir oft ein, was ich hätte sagen oder wie ich hätte handeln können. Doch die Situation ist dann oft schon lang vorbei.


Emotionale Selbstregulation bedeutet, im besten Fall schon in der Konfliktsituation selbst etwas "machen" zu können, was mich wieder gut mit mir verbindet und damit aus dem Gefühl der Ohn"macht" befreit.


Achtsamkeit ist eine Übungspraxis


Die hier beschriebene emotionale Selbstregulation über den Körper ist etwas, was ich nur durch Übung verinnerlichen kann. In der Übung verfeinere ich die Wahrnehmung meines Körpers und meiner Gefühle, damit ich Schritt für Schritt erfahren kann, wie sich diese Haltung anfühlt. Ich wachse sozusagen durch Übung in diese Körperhaltung hinein.


Nur wenn ich eine ganz klare Orientierung kriege, wie ich in diese Haltung hinein finde, kann ich mich in Konfliktsituationen auch in allen wichtigen Feinheiten mit dieser Haltung verbinden. Diese Körperhaltung ist nicht mit dem Verstand zu erfassen oder durch den Verstand zu erzeugen. In diese Haltung kann ich nur finden, wenn ich Stück für Stück lerne, sie zu verkörpern.


Je besser das gelingt, desto mehr wird diese Haltung Teil meiner Identität und Persönlichkeit.


Da die Achtsamkeit eine Übungspraxis ist, kann ich nur den Besuch eines MBSR Kurses empfehlen, um im Laufe von 8 Wochen Schritt für Schritt zu lernen, wie sich diese Haltung anfühlt. Daher hänge ich auch an diesen Beitrag noch einmal einen link zu MBSR Kursangeboten.


MBSR KURS


Hier ein Link zu meiner Workshop Homepage. Ich leite im Jahr mehrere MBSR Kurse. Die Daten des jeweils nächsten Kurses sollten immer online sein. Auf der Homepage finden sich auch vertiefende Informationen zum MBSR Kurs.


Es gibt viele Anbieter für dieses klassische Kursformat. Hier noch die links zum österreichischen , zum schweizerischen, und zum deutschen MBSR Verband. Über die Verbände kann man gut sehen, welche Kurse lokal angeboten werden.


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