Warum laufe ich vor meinen Gefühlen weg?


Es gibt Gefühle, die wir zwar haben, die wir aber nicht fühlen wollen - obwohl sie zu uns gehören. Wir würden vor ihnen gerne weglaufen. Doch wenn wir das machen, werden sie leider größer.

Dabei geht es immer um sogenannte schwierige Gefühle. Um Widerstände, Ängste, jede Art von unangenehmen Gefühlen. Bei guten Gefühlen tun wir uns mit dem Fühlen der Gefühle nicht schwer. Wir laufen nicht vor ihnen weg. Wir fragen wir uns nicht, warum wir sie haben. Wir fühlen sie einfach und genießen.

Das Gefühl umarmen

In der Achtsamkeit gibt es die Haltung alles so sein zu lassen wie es ist. Das gilt auch für alle meine Gefühle. Gelingt es mir meine unangenehmen Gefühle anzunehmen, tritt interessanterweise Entspannung ein. Und das unangenehme Gefühl wird kleiner - nicht größer. Oft zeigt sich auch in der Meditation, das unter dem unangenehmen Gefühl noch andere Gefühle sind, die gefühlt werden wollen.

Will ich bestimmte Gefühle, wie zum Beispiel die Angst oder die Wut nicht fühlen und unterdrücke sie oder laufe vor ihnen weg, haben sie die Tendenz so groß zu werden, daß ich manchmal nur noch aus Angst oder Wut bestehe.

Aber es ist gar nicht notwendig unsere Gefühle abzuwehren, denn in der Tiefe will uns interessanterweise jedes Gefühl auf seine ihm eigene Art schützen. Das ist dem Gefühl wichtig. Wird es nicht gehört, muss es lauter werden.

Wenn man sich vorstellt, man möchte jemanden vor etwas warnen, aber der hört einen nicht, dann beginnt man lauter zu rufen. Hört er dann immer noch nicht, wird man noch lauter rufen und irgendwann schreien oder den anderen einfach mit Gewalt stoppen.

So geht es unseren Gefühlen auch. Wenn ich vor ihnen weglaufe, wie vor der Angst, die mir im Nacken sitzt, dann läuft die Angst uns nach. Und irgendwann, wenn ich immer noch weglaufe, dann kann mich ein Gefühl wie die Angst völlig schachmatt setzen, indem sie mich mit einer Panikattacke lähmt. Dann bestehe ich nur noch aus Angst. Alle anderen Gefühle sind in dem Moment weg - für mich nicht erreichbar.

Uns kommt dann vor, daß unsere Gefühle nicht gut mit uns umgehen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wir gehen nicht gut mit ihnen um.

Jedes Gefühl ist konstruktiv

Habe ich den Mut meine schwierigen Gefühle zu fühlen und sein zu lassen, werden sie zu einer wichtigen Ressource. Dann wird es möglich zu erkennen, was mir jedes Gefühl sagen möchte. Die Wut ist mein Freund. Sie will mir sagen, daß meine Grenze verletzt wurde und will, daß ich sie schütze. Kann ich diese Botschaft gleich richtig verstehen, kann ich mich angemessen schützen. Dann muss die Wut nicht groß werden. Ich muss dann mein Gegenüber auch nicht verletzen - es reicht eine Grenze zu setzen.

Unterdrücke ich die Wut aber zu lange, schwingt sich das Gefühl irgendwann zu einer Größe auf, die destruktiv wird. Lebe ich diese blinde Wut dann aus, tut es mir nachher leid. Blind heißt die Wut deswegen, weil ich mein Gegenüber nicht mehr sehen und verstehen kann, wenn die Wut mal so groß geworden ist.

Die Angst wiederum will nicht mehr als uns darauf hinweisen, daß bei etwas Gefahr besteht. Ignoriere ich die Angst, geht aus ihrer Sicht die Gefahr nicht vorbei. So wird die Angst größer. Lasse ich es zu die Angst zu fühlen und frage sie, wovor sie mich warnen will, beruhigt sich die Angst. Denn die Angst weiß dann, daß ich ihre Perspektive ernst nehme und sie mit in die Situation einbeziehe.

Bin ich dann mutig, ist es der Angst auch recht. Solange sie gehört und gesehen wurde.

Jedes Gefühl umarmen

Es passiert etwas Verblüffendes, wenn ich ein unangenehmes Gefühl ohne Wertung und Urteil fühle. Es wird nicht nur kleiner, es wird auch der Blick dafür frei, daß jedes unangenehme Gefühl konstruktiv und wichtig ist. Es entsteht also Achtung vor den unangenehmen Gefühlen und dem was sie mir sagen wollen. Dadurch müssen diese Gefühle nicht mehr so heftig werden.

Ein Innerer Kritiker, der nur auf uns herum hackt und über uns urteilt, ist kaum zu ertragen. Aber ein Leben ohne inneren Kritiker würde alle unseren Beziehungen zerstören. Denn wenn ich gar keine Selbstkritik habe, fühle ich mich allmächtig und nur meine Meinung zählt.

Übergroße Angst lähmt. Aber wenn wir keine Angst haben, gehen wir völlig sorglos in Situationen, die für uns gefährlich sein können. Angst sagt uns, daß wir aufpassen müssen. Wenn wir lernen uns bei der Angst dafür zu bedanken, ändert sich unsere Beziehung zu dem Gefühl. Die Angst wird ein wichtiger Helfer.

Die zerstörerische Wut ist fürchterlich. Aber die Wut ist primär mal ein gutes Gefühl, das mir anzeigt, daß meine Grenze verletzt wurde. Sie ist also ein Zeichen gut auf mich aufzupassen.

Diesen Gedankengang kann ich mit jedem schwierigen Gefühl durchspielen.

Unsere schwierigen Gefühle sind Botschafter wichtiger Inhalte. Wenn wir diese Botschaften verstehen lernen, können wir lernen jedes unserer Gefühle zu umarmen.

So arbeitet die Achtsamkeit mit der grundlegenden universellen Weisheit, das unsere Gefühle konstruktiv bleiben, wenn wir sie annehmen, spüren und umarmen können.

Fühlen statt ausweichen und weglaufen

Es gibt viele Wege unangenehme Gefühle nicht zuzulassen. Jede Form von Sucht hat darin ihren Ursprung. Jede Art von Ablenkung, Verdrängung und jede Art von Weglaufen.

Im Fühlen des Gefühls liegt immer die Lösung.

"Warum habe ich dieses Gefühl?" Das ist eine Frage, die oft in Bezug auf schwierige Gefühle auftaucht. Auch sie ist nur ein Ausweichen. Auch sie dient dazu das Gefühl nicht spüren zu müssen. Denn hinter der Frage steht oft eine zweite Frage: "Wenn ich weiß, warum ich dieses Gefühl habe, kann ich es dann schnell los werden?" Aber auch dieser Weg läßt das Gefühl wachsen.

Werde der du bist

Es entspricht einer tiefen inneren Sehnsucht so sein zu dürfen wie ich bin und darin angenommen zu werden. Lerne ich mich mit allen Gefühlen so anzunehmen wie ich bin, werde ich wieder ganz - Stück für Stück. Urteil und Wertung mir selbst gegenüber werden dann kleiner.

In diesem Prozess mich selber radikal annehmen zu können wie ich bin, werden auch meine Urteile und Wertungen anderen gegenüber kleiner. So mache ich die Erfahrung, daß nicht nur ich heile, sondern auch meine Beziehungen.

Übung

Spüre nach, welche Gefühle du in dir nicht fühlen willst. Vor welchen Gefühlen du Angst hast und davon läufst. Welche Gefühle du unterdrückst.

Sie alle sind wichtige Botschafter? Frage dich, was sie dir sagen wollen. Dann ändert sich die Beziehung, die du zu diesen Gefühlen hast.

Finde den Mut jedes Gefühl zu fühlen, zu jedem Gefühl innerlich ja zu sagen - vielleicht zuerst in der Meditation und dann auch in der Begegnung mit anderen und laß dich überraschen, wie sich dann auch jedes schwierige Gefühl in einen Freund verwandeln kann.