Was passiert eigentlich bei Stress? Teil 2 - die Wirkung von Dauerstress auf unseren Körper

23.07.2019

Wie in Teil eins der Serie klar zu sehen war, entsteht durch die Natur unseres heutigen sozialen Miteinanders sehr leicht Dauerstress, weil die Stresshormone nach Konflikterfahrungen oft noch lange in uns gespeichert bleiben. 

 

Das heißt - auch wenn die Situation, die uns stresst, schon lange vorbei ist, tragen wir den Stress weiterhin mit uns herum.

 

Chronischer Stress macht uns krank

 

Werden die Stresshormone in uns nicht abgebaut, mach Stress uns krank. Das gilt sowohl für die psychische , wie auch für die körperliche Ebene. Denn Psyche und Körper sind ein System, das sich wechselseitig bedingt. Sie sind nie getrennt. Was das eine betrifft, wirkt immer auch auf das andere.

 

Körperlicher Stress bedingt psychischen Stress und umgekehrt.

 

Was passiert psychisch?

 

Cortisol - das Stresshormon im Blut heißt für unseren gesamten Organismus, daß Anspannung im Körper ist - und daß ein Gefühl der Bedrohung und Angst da ist. Solange das Cortisol im Blut ist, haben wir Angst, weil uns unser Körper signalisiert, daß die Gefahrensituation noch nicht vorbei ist. Wir bleiben also angespannt, sind reizbar und verletzlich.

 

Subjektiv wird jetzt alles, was auf uns zukommt als gefährlicher empfunden, als wenn wir entspannt und in innerem Einklang sind. 

 

Es ist wie bei einer Wunde. Wenn mich jemand an der Schulter berührt, tut es mir nicht weh. Aber wenn ich dort gerade eine Wunde habe, dann schreie ich schnell auf. So bleibt der Stress in uns wie eine offene Wunde. Wir reagieren empfindlich und genervt auf Situationen, die sonst für uns nicht schlimm wären. Das macht es für unsere Umwelt schwer unsere Reaktionen dem zuzuordnen, was gerade ist. Denn wir sind unter Stress unverhältnismäßig stark emotionalisiert und empfinden vieles als Angriff, was gar keiner ist. Außerdem verlieren wir schnell den Überblick und sind von komplexen oder vertiefenden Tätigkeiten schnell überfordert.

 

So tragen wir unsere ungelösten Konflikte oft mit nach Hause und setzen sie dort in unseren Beziehungen fort.

 

Wie in Teil eins beschrieben, sind Flucht, Kampf und Ohnmacht die drei Reaktionsweisen, die uns bei Konflikten zu Verfügung stehen. Sie kommen auch hier wieder zum Ausdruck. Wir sind zu Hause gereizt (Aggression), wir ziehen uns zurück (Flucht), oder wir sind zwar da, haben aber keine Möglichkeit präsent zu sein - reagieren also bei Tisch nicht wirklich, wenn wir angesprochen werden, und unsere Familie glaubt, wir haben was gegen sie. Dabei sind wir nur mit dem Kopf ganz woanders. Weil noch so viel in uns arbeitet, sind wir in ständigem Grübeln, das uns später am Abend dann auch oft den Schlaf raubt. Wir sind innerlich so mit dem beschäftigt, was war oder kommen wird, daß uns das was gerade in der Gegenwart passiert einfach zu viel ist. Das ist ein wichtiger psychischer Schutz, aber für Beziehung sehr hinderlich.

 

Wie wir es auch drehen und wenden - solange wir Stress aus einer vergangenen Situation in uns haben - oder uns eine zukünftige Situation innerlich Stress bereitet, verlieren wir die Präsenz im Augenblick. Wir sind nicht mehr richtig anwesend und reagieren in der einen oder anderen Weise unangemessen auf unsere Umwelt. Anders gesagt, wir sind mit dem, was gerade ist überfordert, weil wir in uns noch nicht zur Ruhe gekommen sind.

 

Der Effekt ist offensichtlich: Wenn wir Stress in uns nicht auflösen, wirkt alles was sonst in unserem Leben passiert stressiger, als wenn wir entspannt sind. Das führt dazu, daß sich der Stress potenziert, weil wir auch im Außen immer weitere Konfliktsituationen schaffen, die natürlich weiteren Stress auslösen. Es ist wie ein Dominoeffekt, durch den Anspannung, Angst und Gefahr sich in uns aufschaukeln. Dauerstress kann letztendlich in Panikattacken enden und uns in den Burnout bringen.

 

Was passiert körperlich?

 

Cortisol ist dafür gedacht uns kurzfristig in Alarmbereitschaft zu bringen. Aber wenn es länger im Körper bleibt, wirkt es im dort wie ein Gift und verwirrt unser Immunsystem. Wer dazu in der Tiefe etwas lesen möchte, dem empfehle ich das Buch: "When the Body says no" von Gabor Maté. Dieses Buch ist derzeit leider nur auf Englisch zu haben.

 

Es führt im Detail und anhand vieler Fallstudien aus, wie Cortisol im Körper auf längere Zeit für schwere Krankheitssymptome mit verantwortlich ist, weil es das Immunsystem schwächt und dem Körper wichtige Selbstheilungskräfte raubt.  So wird Stress zu einem wesentlichen Mitverursacher von Herzerkrankungen, Krebs, Rheuma, Arteriosklerose  Colitis, ALS, ADHS und vielen anderen schweren Krankheitssymptomen.

 

Medizinisch wird ein konstant erhöhter Cortisol Spiegel im Blut mit einer verringerten Immunfunktion, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Schlaflosigkeit in Verbindung gebracht. Außerdem trägt ein erhöhter Cortisolspiegel zur Entstehung von Hirnleistungsstörungen, Angstzuständen, Depression, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsproblemen und aller Art psychischer Störungen bei. Wenn Cortisol längerfristig im Blut ist und sich nicht wieder abbaut, hat das eine negative Wirkung auf jede kognitive Funktion.

 

Cortisol tötet Hirnzellen ab, indem es sie buchstäblich zu Tode stimuliert. Außerdem verringert es die Anzahl sich neu bildender Hirnzellen. Cortisol macht also nicht nur der Psyche Stress, sondern auch dem Körper.

Vorausschau

 

Der dritte Teil dieser Serie über die Wirkung von Stress beschäftigt sich damit, wie die körperlichen Aspekte von Stress in unserem Alltag spürbar sind.

 

 

 

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