Was passiert eigentlich bei Stress? Teil 1 - Woher kommt unsere Stressreaktion?

22.07.2019

Eine Serie zum Thema Stress in 7 Teilen

 

Die Stressreaktion ist in der Achtsamkeit ein ganz zentrales Thema. Daher möchte ich hier eine umfangreiche siebenteilige Serie über Stress schreiben, die das Thema vertieft betrachtet. Wie kommt Stress zustande? Warum leiden wir oft unter Dauerstress? Wie wirkt Stress in unserem Körper und unserer Psyche? Wie wirkt Stress in Beziehungen? Und schließlich - wie kann ich lernen mit Stress besser umzugehen?  Das sind die zentralen Fragen dieser Serie.

 

Woher kommt der Begriff Stress?

 

Der Begriff Stress kommt aus der Physik. Dort bedeutet Stress das Maß, wie lange ich etwas belasten kann, bis es kaputt geht. Ich finde diese Wortbedeutung sehr anschaulich, wenn es um das Thema Stress geht. 

 

Denn auch bei uns, unserer Psyche, unserem Körper und unseren Gefühlen stellt sich die Frage: Wie lange sind sie belastbar, bis etwas kaputt geht. Mit diesem Thema bewusst umzugehen heißt für mich zu lernen, gut mit sich selber umzugehen. 

 

Unsere Stressreaktion basiert auf einem uralten Muster

 

Stressreaktionen kennt jeder. Sie sind ein natürlicher Teil unserer Psyche. Jede Stresserfahrung, die wir machen ist damit verbunden, daß wir etwas als gefährlich erleben, daß wir uns einer Situation nicht gewachsen fühlen. Egal ob einem etwas zu viel wird und man sich überfordert fühlt, oder ob es Konflikte mit Kollegen, dem Vorgesetzten oder in der Beziehung gibt - Stress ist die Folge.

 

Haben wir Stress, startet eine ganze Reihe innerer Abläufe, die uns mit der für uns gefährlichen Situation umgehen lassen.


So zivilisiert und entwickelt wir heute sind, das Muster unseres Stresserlebens ist ein ganz altes - in der Psyche und im Körper. Genau genommen reagieren wir heute auf Stress immer noch so wie Tiere in der Natur - mit einem wesentlichen Unterschied. Und dieser Unterschied führt dazu, daß wir Stress heute nicht mehr so gut abbauen können wie Tiere.

 

Stress im Tierreich

 

Im Tierreich hat sich in der Evolution ein Muster ausgeprägt, wie wir mit Gefahrensituationen umgehen. Dieses Muster beruht darauf, daß in der Natur Gefahren meist körperlich und kurzfristig sind. 

 

Jedes Tier in der Natur reagiert bei Gefahrensituationen auf eine von drei mögliche Arten. Mit Aggression, die die Bereitschaft zum Kampf ausdrückt, mit Flucht, wenn es sich unterlegen fühlt, oder mit ohnmächtiger Starre, wenn in der Situation weder Flucht noch Kampf möglich sind. 

 

Was passiert dabei im Körper?

 

Die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol fluten den Körper - alles wird auf die Gefahrensituation fokussiert. Die Muskeln spannen sich an, der Blutdruck steigt - und nur das was in der Situation jetzt überlebenswichtig ist, ist im Fokus. Alles andere fällt aus der Aufmerksamkeit raus.

 

In der Natur wird die Gefahrensituation ganz körperlich über Flucht, Kampf, oder Ohnmacht ausagiert. Durch das Kämpfen oder weglaufen werden die Stresshormone schon in der Situation mit abgebaut. Ist die Gefahr vorbei, grasen die Tiere wieder friedlich weiter - so als wäre nichts gewesen. 

 

Verfällt ein Tier in eine Starre, bleiben die Stresshormone in der Anspannung erhalten. Wenn das Tier aus der Starre wieder aufwacht, kommt es in ein heftiges Körperzittern, das die Muskeln wieder löst. Dieses Körperzittern führt ebenfalls dazu, daß der Stress der Gefahrensituation abgebaut wird. 

 

Stress ist also in der Natur eine sehr gesunde Reaktion auf eine Gefahrensituation, die alle Kräfte mobilisiert, um sich gut aus der Gefahrensituation zu befreien. Ist die Gefahrensituation vorbei, ist auch der Stress vorbei.

 

Warum bei uns der Stress im Körper bleibt

 

Die Situationen, die uns heute Stress machen, tragen wir nicht mehr dadurch aus, daß wir körperlich kämpfen oder flüchten. Aggression findet verbal statt und Flucht findet statt, indem wir versuchen uns irgendwie aus einer uns unangenehmen Situation heraus zu winden. Da wir weder körperlich kämpfen, noch flüchten, noch uns wieder frei zittern, bleiben die Stresshormone im Körper aktiv, auch wenn die Gefahr vorbei ist. 

 

Wenn wir also mit den Kollegen, dem Chef oder in der Paarbeziehung einen Konflikt haben, dann bleibt der Stress in uns hängen. Die Stresshormone bauen sich nicht ab. Die Stressgefühle und die zugehörigen Emotionen bleiben dann noch lange in uns,  auch wenn die Situation schon lange vorbei ist. 

 

So reagieren wir in Folge auch auf vergleichsweise harmlose Situationen gestresst und gereizt, obwohl die gegenwärtige Situation vielleicht gar nicht so bedrohlich ist. Wir fühlen uns angegriffen und verletzlich.

 

Dieses Verhalten erzeugt in der Regel erneut stressige Situationen und Konflikte. Und so wird aus Stress in unserer heutigen Kultur schnell Dauerstress. Auch weil wir wissen, daß wir morgen im Büro vielleicht wieder der gleichen Gefahr ausgesetzt sind. Das heißt, wir kommen gar nicht mehr in die Entspannung. Kommen Schlafstörungen dazu, bauen sich die Stresshormone auch in der Nacht nicht ab. So stehen wir am nächsten Tag schon wieder gereizt auf. Ein Teufelskreis.

 

Kennen wir keine effizienten Methoden um Stress wieder abzubauen, bleiben wir im Dauerstress - mit allen negativen Auswirkungen auf Körper, Psyche und auf Beziehungen.

Vorausschau

 

Permanent im Körper befindliche Stresshormone machen uns nicht nur ängstlich und gereizt, sie greifen auch das Immunsystem und unsere psychische Gesundheit an.

 

In Teil zwei der Reihe geht es daher um die negativen Auswirkungen von Dauerstress auf unsere Psyche und unseren Körper.

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload