Picasso und die Achtsamkeit

18.07.2019

Meditation ist so ein Begriff, mit dem man schnell in Verbindung bringt, daß man sich in den Lotussitz setzt und mit geschlossenen Augen in einer Position verharrt. Das ist vielleicht die reinste Form der Begegnung mit sich selbst, das sie nur aus dem reinen Sein besteht.

 

Doch es gibt auch sogenannte meditative Tätigkeiten. Gehen, Zeichnen, Musik spielen, etwas basteln, schwimmen, in der Hängematte liegen und in den Himmel schauen, am Meer das Kommen und Gehen der Wellen beobachten und viele mehr.

 

Was ihnen allen gemein ist - man beschäftigt sich mit etwas, bei dem nicht ständig neue komplexe Eindrücke verarbeitet werden müssen. Vor allem der Kopf muss nichts Neues begreifen. Und so begegnet man in diesen meditativen Tätigkeiten sich selbst.

 

Was passiert in Meditation und meditativen Tätigkeiten? Man begegnet sich selbst, wenn die Flut der äußeren Eindrücke abreißt.

 

Pablo Picassos Stillleben

 

Pablo Picasso hatte seine ganz persönliche Meditation. Er hat jeden Tag das immer gleiche Stillleben gemalt - für sich. So ist Picasso jeden Tag dem begegnet, wie er die Welt an diesem Tag sieht. Kein Bild ist jemals dasselbe, weil wir die Welt jeden Tag neu und anders erleben. Pablo Picasso ist sich durch sein Bild sozusagen jeden Tag selber begegnet.

 

Diese feinen Unterschiede wahrzunehmen und sich täglich die Zeit zu nehmen zu spüren wer man heute ist, welchen Ausdruck man heute für sich findet. Wahrzunehmen was heute für einen wichtig ist -  sich eine Zeit lang dem zu widmen was aus der Tiefe auftaucht, wenn man einfach nur mit sich ist, das ist für mich die Idee von Meditation. Egal ob sie im Sitzen, im Gehen oder bei einer Tätigkeit passiert.

 

Man hängt seinen Gedanken nach


Während man so in der Hängematte liegt und in den Himmel schaut, hängt man seinen Gedanken nach. Oder anders gesagt - es denkt in einem. So wie bei der Meditation im Sitzen auch.

 

Das heißt - während man nichts tut, gibt man seinem Kopf die Chance all das durchzudenken, was noch nicht durchgedacht ist. Und auch im Unbewussten können die Dinge emotionale verarbeitet und geordnet werden. 

 

Das ist ganz einfach möglich und passiert automatisch - einfach, weil jetzt gerade nichts Neues dazu kommt. 

 

Von der Oberfläche in die Tiefe

 

Interessanterweise zeigt die Hirnforschung, daß sich unsere Gehirnaktivität erhöht, wenn wir nichts tun. Es ist also nicht so, daß beim Meditieren nichts passiert.

 

Man kann sich das so vorstellen, daß unsere Gedanken und Gefühle bei normaler Aktivität immer damit beschäftigt sind das zu bearbeiten, was gerade passiert - wo gerade die Aufmerksamkeit ist. Setzen wir uns zum Meditieren hin oder gehen wir einer meditativen Tätigkeit nach, sind unsere Gedanken und Gefühle nicht mehr mit dem Erledigen der jetzigen Eindrücke beschäftigt. 

 

Sie bekommen Zeit das aufzuarbeiten was liegen geblieben ist. Die Gefühle und Gedanken können sich dem widmen was Zeit braucht, um es zu lösen. Dinge, denen man nachfühlen muss, Zusammenhänge über die man länger nachdenken muss, um zu einer Lösung zu kommen. 

 

Jeder kennt das aus dem Urlaub - einer Zeit, in der man nicht so gefordert ist und in der das reine Sein oft wunderbar genügt. Auf einmal werden einem Dinge klar. Auf einmal tauchen wie aus dem Nichts gute Lösungen für Dinge auf, an denen man sich vorher die Zähne ausgebissen hat. 

 

Das passiert ganz einfach, weil im Zustand des Seins unser emotionales System, unsere Gedanken und unser Körper die Möglichkeit bekommen sich wieder zu ordnen. 

 

Die innere Ordnung

 

Die innere Ordnung bezeichnet einen Zustand, in dem es mir möglich ist, mein Leben auch wirklich emotional und gedanklich zu verarbeiten, während ich es lebe. Gelingt mir das, kann ich auf diesem Wege sehr viele innere Konflikte befrieden und einem Gefühl der Überforderung entkommen. Denn das Gefühl der Überforderung entsteht dann, wenn mein System mehr verarbeiten muss als es schafft.

 

Regelmäßigkeit ist der Schlüssel

 

Egal ob ich jeden Tag das gleiche Stillleben male, ob ich jeden Tag in der Früh Yoga mache, meditiere oder noch in der Stille des morgens eine halbe Stunde spazieren gehe - wenn ich mir jeden Tag die Möglichkeit gebe ein bißchen zu sein und nicht nur zu tun, dann gebe ich meinem inneren System die Möglichkeit, mit dem was geschehen ist auf gleich zu kommen.

 

Wenn ich mir diese Zeit nie gönne, werden Momente der Ruhe sehr unangenehm, weil schnell auffällt, wie viel Ungelöstes und Ungeklärtes in mir ist, das gefühlt und gedacht werden möchte.

 

Begegnet uns das Ungelöste am Abend auf dem Sofa, wenn wir schon länger von Dingen überfordert sind, haben wir die Tendenz auszuweichen. Nicht spüren und nicht denken zu wollen, uns abzulenken. Sondern stattdessen lieber noch ein bißchen Input nachzuschütten, damit die ungedachten Gedanken und ungefühlten Gefühle nicht so spürbar sind.

 

Doch die Überforderung wird so leider nicht weniger. Sie wird erst weniger, wenn wir uns die Zeit nehmen mit dem zu sein was in uns ist - mit den angenehmen und auch mit den unangenehmen Gefühlen. 

 

Eine achtsame Haltung

 

Eine achtsame Haltung ist für mich, damit in Kontakt zu sein, daß wir die Eindrücke unseres Tages auch verarbeiten müssen. Und daß es dafür eine gewidmete Zeit braucht. Wenn das gelingt, haben wir wieder dein Eindruck bei uns zu sein. Mit uns in Einklang zu sein.

 

Zwei kleine Beispiele dafür:

 

Ein Indianerhäuptling wurde im 19. Jahrhundert mit dem Zug nach Washington gefahren. In Washington angekommen hat er sich einfach nur an den Bahnhof gesetzt und war nicht mehr dazu zu bewegen weiter zu gehen. Er hat das damit begründet, daß er zwar hier sei, aber seine Seele brauche noch die Zeit um anzukommen. 

 

In anderen Worten kann man sagen, dem Häuptling war ganz klar, daß er bei den Verhandlungen nicht präsent sein kann, wenn er die Eindrücke der Fahrt noch nicht verarbeitet hat.

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Eine Freundin von mir liest Bücher gerne so, daß sie ein Kapitel liest - und dann erst mal bewusst Pause macht. Bis das was sie gelesen hat, auch bei ihr angekommen ist.

 

So zu leben und so zu lernen heißt, mit sich selbst in Kontakt sein. Mit sich selbst in guter Beziehung sein und sich die Zeit zu nehmen sich selbst und sein Leben auch zu spüren. 

 

Übung

 

Die Übung, die sich an diesen Beitrag anschließt ist die, dich auf die Suche zu machen nach einer meditativen Beschäftigung, zu der du einen Bezug hat - die du gerne machst  - an die Natur gehen, einfach in den Himmel schauen, dich an einen See setzen - was auch immer es ist.

 

Wenn dir klar wird, was dir gut tut, dann beginne diese Tätigkeit möglichst regelmäßig in dein Leben einzubauen und erlaube dir damit einen Teil deines Tages einfach nur zu sein und dich innerlich zu ordnen.

 

Wenn man sich darin übt, sich jeden Tag eine halbe Stunde oder Stunde nur für sich selber Zeit zu nehmen, hat das einen sehr nachhaltigen Effekt auf das eigene Wohlbefinden und die Lebensqualität.

 

 

 

 

 

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