Übergänge schaffen vom Tun ins Sein

26.10.2018

Wenn wir den ganzen Tag arbeiten, dabei oft unter Anspannung sind, und aus dem konstanten Tun kommen, dann ist es nicht so leicht sozusagen wieder runter zu kommen. Der Tag hängt uns nach. Und was uns auch nachhängt, sind ein paar unverarbeitete Konflikte aus dem Tag. Konflikte, die wir mit uns selber haben - Dinge, die wir vielleicht nicht gut hingekriegt haben, wo wir uns selber Vorwürfe machen - und Konflikte, die wir im Laufe des Tages mit anderen hatten.

 

Dann kommen wir nach Hause und haben Freizeit. Auf einmal sollen wir nichts mehr tun - aber was dann?

 

Was passiert, wenn wir Freizeit haben

 

Wenn wir uns ohne Übergang einfach nur aufs Sofa setzen und entspannen, ganz von einem Moment auf den anderen im Sein ankommen, dann merken wir schnell, daß in uns unangenehme Gefühle auftauchen. Das macht uns unruhig. Und die Unruhe wiederum treibt uns dazu etwas zu tun. Denn wenn wir etwas tun, merken wir diese unangenehmen Gefühle nicht mehr.

 

Die unangenehmen Gefühle sind die ungelösten Gefühle aus dem Tag. Die haben schon auf einen Moment gewartet, wo sie sich zeigen können. Unter tags geht das ja nicht. Da ist kein Platz für sie. Aber wenn wir dann zur Ruhe kommen, dann klopfen sie an.

 

Wenn wir die Gefühle dann nicht fühlen wollen und ins Tun gehen, dann bleiben wir in der Anspannung. 

 

Es gibt noch eine zweite Strategie den unangenehmen Gefühlen auszuweichen, ohne wieder ins Tun zu gehen - das ist das sogenannte couch potato Dasein. Aufs Sofa setzen, Fernseher anschalten - oder Computerspielen spielen, stundenlang facebook oder youtube schauen. In dieser Art von Tätigkeit schalten wir sozusagen ab. Wir legen durch sie so viel input über unsere unangenehmen Gefühle, daß wir sie nicht spüren müssen, aber wir kommen so auch nicht zu einer Entspannung. Für kurze Zeit ist das befriedigend. Aber nach einer halben Stunde empfinden wir es als sehr unbefriedigend. Trotzdem machen wir weiter - oft zwanghaft - denn die Alternative wäre, sich diesen mit diesen lauernden Gefühlen auseinanderzusetzen.  Und diese Vorstellung ist wiederum mit einem Gefühl von Streß verbunden. Also lieber weiter couch potato.

 

So bleibt auf beiden Wegen die Anspannung im Körper und damit auch der Streßlevel in der Psyche. Kommt am nächsten Tag wieder Streß dazu, sind wir nicht erholt und spüren ihn doppelt.

 

Sich der inneren Unruhe stellen

 

Wie man es auch dreht und wendet - letztlich kommt man um die innere Unruhe nicht herum.  Wenn ich vor der inneren Unruhe davon laufe, indem ich immer in Aktion gehe, wird die innere Unruhe nicht weniger, sondern mehr. Alle Bemühungen sie nicht zu spüren führen leider letztendlich dazu, daß sie stärker wird. Und wenn sie stärker wird, wollen wir sie noch weniger spüren.

 

Das kann so weit führen, daß wir in einen Zustand ständiger Anspannung und ständigen Tuns kommen. Einfach nur zu sein und zum Beispiel auf dem Sofa zu sitzen und mal gar nichts zu tun, wird dann für uns eine wahre Horrorvorstellung. Irgendwann macht der Körper das ganze Tun nicht mehr mit. Wir bekommen Verspannungen, Schmerzen, Symptome, Burn-out. 

 

Es ist gut, wenn man sich aus diesem Teufelskreis befreien kann.

 

Viele Einträge auf dieser Homepage beleuchten Wege wie man mit seinen unangenehmen Gefühlen in Beziehung gehen kann. In diesem Eintrag möchte ich nur einen Ausschnitt beleuchten - den Übergang zwischen Tun und Sein. Je abrupter wir ihn gestalten, desto unsanfter landen wir im Sein und desto unangenehmer taucht das emotional Unerledigte in uns auf.

 

Einen Übergang zu gestalten ist hingegen eine sehr elegante Methode gut zu sich zu kommen.

 

Übergangsrituale

 

Im Eintrag "Atmen und Handeln aus dem Sein" schreibe ich über die Wichtigkeit der Pause. Ich bin heute davon überzeugt, daß wir selbstheilende Organismen sind - auf körperlicher wie auf psychischer Ebene. Aber um zu heilen müssen wir Räume schaffen - Pausen, in denen Heilung möglich ist. 

 

Je schneller sich das Rad in unserer Zivilisation dreht, desto weniger Pausen bekommen wir. Und desto weniger Pausen nehmen wir uns - für uns selber. Früher hat man vielleicht eine halbe Stunde oder Stunde zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit gebraucht. Und die gleiche Zeit wieder zurück. Was für eine großartige Pause, in der wir das eine verarbeiten können, um dann für das andere wieder frei zu sein. Herrlich, die monotone Tätigkeit des Gehens oder Rad Fahrens. Kein input, gleichzeitig ist unser Körper beschäftigt und in Bewegung. Wir haben sonst nichts zu tun.

 

Früher gab es dann kein Mobiltelefon und kein Internet für unterwegs. Wir waren mit uns selber für uns selber. In solchen Zeiten ordnen wir uns. Das ist kein aktiver Prozeß. Wir müssen nichts tun. Wir hängen unseren Gedanken und den Situationen des Tages nach - und verarbeiten die Dinge auf verschiedenen Ebenen. Ganz automatisch. 

 

Wenn wir dann zu Hause angekommen sind und uns aufs Sofa setzen, sind wir schon wesentlich entspannter. Alles wurde einsortiert. Dadurch sind wir dann auch präsent für das was zu Hause ist. Wir sind wieder aufnahmefähig für das, was sich in unseren Beziehungen tut - weil wir nicht immer noch überlaufen von den Ereignissen des Tages, die in uns nicht zur Ruhe kommen konnten.

 

Die unangenehmen Gefühle in der irgendwie unheimlichen Stille am Sofa tauchen dann gar nicht so stark auf. Sie bedrängen uns dann nicht so. Sie sind kleiner, sodaß wir ihnen auch leichter begegnen können.

 

Von der Arbeit zu Fuß oder mit dem Rad nach Hause zu fahren sind zwei Vorschläge. Es gibt eine Vielzahl anderer Möglichkeiten für sich ein Ritual zu finden, daß einem genau diese Pause verschafft, um den Abschnitt im Tag, der dem Tun gewidmet war zu verarbeiten.

 

Die Zeit, die darin investiert ist, ist gut gewidmet. Denn wenn wir sie uns nehmen werden wir mit Lebendigkeit belohnt und können diese Lebendigkeit mit anderen teilen. Das was uns guttut, tut auch unseren Beziehungen gut, weil wir in ihnen wieder präsenter sind. 

 

Wir können so am Ende des Tages entspannen, schlafen dadurch auch besser und können so am nächsten Tag auch wieder mit Energie uns Tun kommen.

Übung

 

Schreib in dein Achtsamkeitstagebuch, welche Rituale dir einfallen, um einen Übergang zu schaffen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Tun und Sein. 

 

Was ist dein Gefühl? Wie viel zeit hättest du gern "für dich" bevor du zu Hause auftauchst. Oder gibt es zu Hause ein Ritual, das nur dem Übergang gewidmet ist. Ein Ritual währenddessen niemand etwas von dir will. Weder du von dir, noch irgendwer anderer von dir.

 

Besonders wichtig - für alle die von zu Hause arbeiten ist so ein Ritual aus meiner Sicht besonders wichtig. Denn wo es fehlt, fehlt auch die Abgrenzung des Privaten von der Arbeit und man weiß nie so genau ob an jetzt eigentlich privat ist oder in der Arbeit. Das kann dazu führen, daß man eigentlich nie wirklich privat ist, und auch nie wirklich arbeitet, und so mit Beidem recht unzufrieden ist. Ein Ritual schafft Kontrast und damit Unterscheidung. Damit fällt es dem Bewußtsein leichter sich zu verorten.

 

Probiere für dich aus,  welches Ritual sich für dich gut anfühlt - oder ob es verschiedene Dinge sind, die dir da guttun. 

 

Lerne dich darin kennen, welches Übergangsritual für dich die Qualität hat, daß du dich innerlich ordnen kannst - ohne dich dabei anzustrengen.

 

Wie bei allem in der Achtsamkeit - durch Übung vertiefen sich Prozesse. Ganz einfach weil unser Hirn neuronale Netzwerke schafft, durch die aus Tätigkeiten Gewohnheiten werden. Es ist gut, Rituale so in sein Leben einzubauen, daß sie einen ständig begleiten. Dann werden sie zu einem Teil unserer Persönlichkeit.

 

Unsere Psyche weiß dann, daß am Ende des Tages für sie da ist. Dadurch geht es ihr Untertags schon besser, weil sie nicht den Streß hat vielleicht ungesehen zu bleiben. Sobald das tägliche Übergangsritual beginnt, weiß alles in uns, daß der Raum dafür da ist, sich Zeit für sich zu nehmen und sich der Pause zu überlassen. Dadurch wird dieser Raum mit der Zeit immer weiter und zugänglicher.

 

 

 

 

 

 

 

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