Rache ist blind

29.06.2018

Wer ist dieser Mensch, der sich beim Angriff auf die Twin Towers in New York gefreut hat? Der sich dachte, daß endlich Gerechtigkeit geschieht, der keinen Moment daran dachte, daß die Menschen die ums Leben kommen auch Kinder und Familie haben?

 

Was passiert mit einem netten, normalen jungen Türken, der in London lebt. Der selber nie ausgegrenzt wurde und der sich aus dem Interesse für den Islam langsam - Stück für Stück radikalisiert? Über eine Vaterfigur die den Glauben auf eine ganz bestimmte Art auslegt. Wie funktioniert es, daß der nette junge Mann durch Zugehörigkeit zum Glauben Stück für Stück seine Menschlichkeit verliert - ohne es zu merken?

 

Was mit der Psyche passiert, wenn Zugehörigkeit und Vertrauen für etwas mißbraucht wird was nach außen verurteilt und abgrenzt und nach innen absolute Loyalität verlangt ist universell. Nur die eigene Gruppe wird beschützt - alles andere wird abgewertet. Egal ob bei den Neonazis oder den Terroristen oder in der Politik vieler Länder, die nur in der Abwertung anderer ihre eigene Größe finden können. Dieser Blick entmenschlicht und ist gefährlich.

 

Ich empfehle zu diesem Thema auch den Eintrag "Unsere zwei Gewissen".

 

Kurz vor dem Anschlag

 

Der junge Mann war mitten in der Vorbereitung eines Anschlags in einer Londoner U-Bahn, als eine einzige Situation in seinem Leben dafür gesorgt hat, daß seine Menschlichkeit wieder erwacht ist. Daß die Trance des Hasses auf das Andere weg war. Daß er "die anderen" wieder als Menschen sehen konnte.

 

Wenn der nette junge Mann heute zurückschaut kann er nicht mehr verstehen wie er damals gefühlt hat. Es ist der gleiche Mensch. Aber er findet keine Verbindung mehr zu dem Mensch, der er einmal war.

 

Daß wir den Andersdenkenden, den anders Aussehenden entmenschlichen - daß wir nicht mehr fähig sind uns in ihn hinein zu versetzen und zu verstehen wie er geworden ist, was er ist, führt uns in Konflikt, Kampf und Krieg. 

 

Erst wenn wir verstehen, daß wir unter bestimmten Umständen alle anfällig dafür sind das Andere, das uns Fremde auszugrenzen und verantwortlich für das eigene Leid zu machen, können wir im Konflikt einen Weg zurück finden.

 

Indem wir zuhören. Indem wir lernen zu verstehen wie es sich anfühlt der andere zu sein. Und so wieder zu unserer Menschlichkeit zurückfinden.

 

Ideologien des Hasses entstehen nur dadurch, daß denen, die hassen nicht zugehört wurde, daß sie nicht geachtet wurden, daß alles was in ihnen lebendig ist, verraten wurde, und sie unter fürchterlichen Umständen leben mußten. Gerade diesen Menschen sind wir es schuldig zuzuhören und zu verstehen, statt zu verurteilen. Zu verstehen und vor uns selbst zuzugeben, daß wir unter den gleichen Umständen vielleicht selber zum Terroristen würden.

 

Tiefer Haß und Gewalt entsteht nur durch tiefe Verletzung. Wer das nicht versteht, wird Gewalt mit Gewalt begegnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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