Unsere zwei Gewissen

18.06.2018

"Zwei" Gewissen klingt ein bißchen seltsam - und doch gibt es sie. Sie spielen eine wichtige Rolle in der systemischen Familienaufstellung.

Die Erkenntnis darüber wie unsere zwei Gewissen funktionieren ist sehr fundamental - denn sie verbindet uns mit einer ganz grundsätzlichen Quelle von Konflikt in unserem Leben.

 

Der Eintrag ist auf dieser Homepage ein bißchen artfremd, aber er verbindet sich mit der Achtsamkeit in einem wichtigen Punkt. 

 

Unser bekanntes Gewissen

 

Das Gewissen, das uns bekannt ist wacht darüber welche Handlungen wir setzen können, ohne unsere Zugehörigkeit zu verlieren. In verschiedenen sozialen Umgebungen wirkt dieses Gewissen auch verschieden. Was ist in dieser sozialen Umgebung angemessen? So verhalte ich mich. Wenn ich bei meinen Eltern zu Hause bin diktiert es mir etwas anderes als mit Freunden im Fußballstadion oder auf dem Elternabend in der Kindergruppe.

 

Unser erstes Gewissen hat also ein feines Gespür in welchem sozialen Kontext wir uns befinden.  Jeder von uns weiß wie es sich anfühlt, wenn sich zwei Welten mit unterschiedlichen sozialen Regeln begegnen - wie sehr uns das mit uns selbst in Konflikt bringen kann.

 

In der Achtsamkeit würde man das anders formulieren. Wie geht es mir, wenn eine Gruppe, der ich mich zugehörig fühle ein Urteil über jemanden hat, den ich auch mag und verstehe. Wenn ich mich auf seine Seite stelle, komme ich in Konflikt mit der Gruppe, wenn ich mich auf die Seite der Gruppe stelle verlangt das von mir daß ich auch über ihn urteile. Ein klassischer Gewissenskonflikt.

 

Das erste Gewissen hat zwei Eigenschaften. Es sichert die Einheit der Gruppe und gleichzeitig sanktioniert es auch, wenn sich jemand nicht an die Werte der Gruppe hält. Wer gegen das Gruppengewissen verstößt, wird ausgeschlossen.

 

Ein Familienmitglied, das nicht in den Familienbetrieb einsteigen möchte, jemand der Drogen nimmt, eine Tochter die sich in den Sohn der verfeindeten Familie verliebt. Es gibt viele Möglichkeiten gegen die Regeln der Gemeinschaft zu verstoßen. Dann wird der Kontakt - die Beziehung oft abgebrochen. Man sieht sich nicht mehr, spricht nicht mehr miteinander - denn das würde die Einheit des Ganzen gefährden. Jeder müßte sich zu einem Thema positionieren, das für die Gruppe eigentlich tabu ist - die ganze Gruppe würde Teil des Konflikts werden. Da ist es leichter aus dem Kontakt zu gehen.

 

So werden in Systemen immer wieder Leute die dazu gehören aus der Mitte an den Rand gedrängt und fallen irgendwann ganz raus. Sie werden vergessen.

 

Unser zweites Gewissen

 

Unser zweites Gewissen ist dem ersten in seiner Wirkung diametral entgegengesetzt. Dieses Gewissen ist den meisten Menschen unbekannt. Denn seine Wirkung zeigt sich nur auf der seelischen Ebene, die auf systemischen Familienaufstellungen angeschaut wird. 

 

Das zweite Gewissen verträgt nicht, daß jemand ausgeschlossen wird, der dazu gehört. Dieses Gewissen ist nur in Frieden, wenn das Ganze im Blick ist und alle, die dazu gehören auch dazu gehören dürfen. Egal was sie getan haben.

 

Dieses tiefere Gewissen wacht über die Ganzheit des Systems. Es urteilt nicht. Es nimmt die Wirklichkeit an wie sie ist. Ganz wie die Achtsamkeit. Das zweite Gewissen ist mit der tiefen Einsicht verbunden, daß Systeme die das Ganze nicht abbilden dazu verurteilt sind destruktiv zu werden - nach innen wie nach außen. Denn sie sind in der Tiefe lebensfeindlich.

 

Also sorgt das zweite Gewissen dafür, daß nie jemand verloren geht. Und das auf eine sehr erstaunliche Art und Weise. Die nächste Generation in Familien übernimmt die Gefühle derer, die ausgeschlossen wurden. Sie sind mit ihnen identifiziert - oft ohne diese Menschen jemals persönlich kennengelernt zu haben. So kommt über die Nachfahren wieder das in den Blick, was nicht gesehen werden durfte. Und zwar solange bis es geachtet wird. Bis das Urteil aufhört. 

 

Die Personen, die über das zweite Gewissen im System gehalten werden beinhalten neben den Familienmitgliedern interessanterweise auch Ex Partner, wenn die Beziehung wichtig war. Solange über etwas ein Urteil besteht, gibt es im System einen Zwang zur Wiederholung. Solange bis alles gesehen werden darf was dazu gehört.

 

In der Achtsamkeit würde man sagen - alles worüber ein Urteil besteht, schafft Konflikt. Das erstaunliche ist, daß sich solche Konflikte auch über Generationen tragen können. Und daß es eine Instanz in uns gibt, die in der Tiefe kein Urteil zuläßt. Eine Instanz die erkennt, daß nur die Achtung vor allem was dazu gehört Lösung bringt.

 

Achtsamkeit und Integration

 

Die Parallele zur Achtsamkeit liegt für mich darin, daß jedes System nur dann in die Lösung findet, wenn es das was nicht dazu gehören darf wieder integriert. Wenn es das Ganze wieder herstellt. 

 

Das gilt auch für Anteile in uns selber, die wir nicht leben können, weil unser erstes Gewissen sie ausschließt, um sich Zugehörigkeit zu sichern. Für Gefühle und Persönlichkeitsanteile ins uns über die wir Urteile haben, die für uns tabu sind. Das was in uns nicht gesehen werden darf, um die Zugehörigkeit nicht zu verlieren bringt uns in Konflikt mit uns selber und es bringt uns in Konflikt mit anderen. 

 

Alles worüber wir unser Urteil verlieren und was wir als zugehörig erkennen, heilt.

Erst wenn das Ganze wieder sein darf, sind auch wir wieder ganz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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