Mit dem Herzen sehen lernen

10.06.2018

Der Dalai Lama hat für sich eine einfache Regel, wie er jedem Menschen begegnet den er trifft. Er begegnet ausnahmslos jedem mit der gleichen Achtung. 

 

Jedem Staatschef und jedem Arbeiter begegnet er mit der Haltung einen guten alten Freund wieder zu sehen. In dieser Haltung sieht er jedes Gegenüber mit dem Herzen.

 

Wie begegnet ein offenes Herz eine geschlossenen Herz?

 

Menschen mit offenen Herzen sind berührbar, weich, meist sehr lebendig. Menschen mit geschlossenen Herzen sind oft hart, unerbittlich, feindselig und vorwurfsvoll.

 

Das offene Herz urteilt nicht - es ist mitfühlend - auch gegenüber jemandem der gerade nicht mitfühlend ist. Das offene Herz unterwirft sich Niemandem und es erhebt sich über Niemanden. Das Herz  kennt nur Verbindung und Gleichheit.

 

Wenn es auf Mißachtung trifft, wird das offene Herz traurig - auch für das Gegenüber. Denn es erkennt im Gegenüber den Mangel und die Verletzung, die dazu führen, daß das Gegenüber hart geworden ist. 

 

Der Ort, von dem aus wir schauen

 

So bestimmt der Ort von dem aus wir schauen und handeln sehr wesentlich unsere Haltung. Wenn wir mit dem offenen Herzen schauen, urteilen wir nicht. Gleichzeitig  können wir ohne Vorwurf und Urteil ausdrücken, warum unser Herz verletzt ist, wenn wir Mißachtung sehen. In der vollen Achtung davor, daß sich das Herz unseres Gegenübers im Moment vielleicht nicht öffnen kann.

 

Die Gefühle des geschlossenen Herzens

 

Wo unser Herz verletzt wird, schließt es sich oft zum Schutz vor weiteren Verletzungen. Dann haben wir die engen Gefühle des geschlossenen Herzens - Neid, Mißgunst, Geiz, Wut, Haß.... Diese Gefühle versuchen eine Grenze zum Anderen herzustellen. Sie unterbrechen alle Beziehung.

 

Erst wenn das Herz wieder das Vertrauen findet sich zu öffnen, ohne verletzt zu werden -  und dadurch weit wird, haben wir wieder Zugang zu Großzügigkeit, Mitgefühl, Empathie, Liebe und Gleichwertigkeit.

 

Härte und Starre gehen, Weichheit und Flexibilität kommt.

 

Wenn wir im Herzen sind, achten wir unser gegenüber, weil wir nicht urteilen. Achtung heißt in dieser Sicht den anderen nicht dafür zu verurteilen, daß sein Herz verletzt wurde - auch wenn er aus der Verletzung heraus selber verletzend wird. Er ist wie ein verwundetes Tier, daß faucht, und kratzt und beißt, weil es nicht möchte daß die Wunde berührt wird.

Übung

 

Die Übung ist tatsächlich zu schauen was passiert, wenn wir jedem im Laufe des Tages ganz bewußt mit einer Haltung begegnen, als wäre er ein alter guter Freund. Dem Busfahrer, dem Kellner, den Kollegen, dem Polizisten - wem auch immer. 

 

Was macht das mit unserer Beziehung in dem Moment. Wie verändert es die Beziehung? Wie empfinden wir den Menschen dann?

 

Wenn wir in der Energie des Herzens sind, spürt das unser Gegenüber und sein Herz wird auch berührt.

 

Dieser Blick verändert die ganze Wahrnehmung und damit auch die ganze Welt um uns herum. Denn unsere innere Haltung erzeugt unsere Wirklichkeit und bedingt die Qualität unserer Beziehungen.

 

Seit Jahren kommen immer wieder Verwandte aus den USA zu mir nach Wien. Alles Nachfahren eines Cousins meines Urgroßvaters, der irgendwann im 19. Jahrhundert von Ostfriesland nach Iowa ausgewandert ist. Ich habe meist keine Ahnung wie diese Menschen mit mir verwandt sind oder ob sie überhaupt mit mir verwandt sind. Aber die reine Annahme, daß wir ja verwandt sind, sorgt dafür, daß ich im Laufe der Jahre sehr viele sehr persönliche Begegnungen mit Leuten hatte, die mir in Wirklichkeit völlig fremd sind.

 

Kaum bezieht man sich darauf, daß man verwandt ist, öffnet man seine Türen und begegnet sich herzlich. Dort wo man sich herzlich begegnet, begegnet man sich schnell auch sehr persönlich. Und dort wo man anderen persönlich begegnen kann fühlt man sich angenommen und zu Hause.

 

Unsere Haltung bestimmt unsere Wahrnehmung. Daher ist die "Haltung" in der Achtsamkeit auch so wesentlich für das Lebensgefühl, das in der Übung der Achtsamkeit entsteht.

 

Es ist gut diese Übung mindestens eine Woche zu machen. Besser noch einen Monat. Denn die Veränderung der Beziehungsqualität wird dann zum Teil unseres Alltags. Wenn einzelne Erlebnisse im Tagebuch festgehalten werden, vertieft das die Erfahrung.

 

 

 

 

 

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