Depression ist kein Gefühl

10.06.2018

Dieser Satz scheint ein bißchen seltsam. Natürlich ist die Depression ein Gefühl. Und gleichzeitig ist die Depression ein ausgesprochenes Nichtgefühl - ein Gefühl des Nichtfühlens, der Taubheit, der Betäubung. Nichts mehr denken können, nichts mehr fühlen können.

 

Sekundärgefühle

 

Man kann die Depression unter etwas einordnen, was man Sekundärgefühle nennt. Das deutet darauf hin, daß es auch Primärgefühle gibt.

 

Das der Depression zugehörige Primärgefühl ist Trauer und Schmerz.

 

Wenn die Depression kommt, schützt sie uns sozusagen davor Trauer und Schmerz fühlen zu müssen. Denn etwas in uns ist überzeugt, daß wir es nicht überleben würden diese Gefühle in ihrer Ganzheit zu spüren. Oder wir haben ein so großes Urteil über das Gefühl in uns, daß wir dort nie freiwillig hingehen würden. Doch das Primärgefühl - das Zulassen von Trauer und Schmerz löst. In der Depression bleiben wir gefangen - in einem Zustand in dem wir kaum am Leben sind. Das ist ein hoher Preis.

 

Andere gehen in den Affekt um Trauer und Schmerz auszuweichen  - in die Sekundärgefühle Wut und Haß. Mein Bild ist, daß der, der die Depression wählt, in seiner Kindheit einen so übermächtigen Gegner hatte, daß der Ausdruck des Affekts nicht möglich war, wenn man zu Hause überleben wollte.

 

Meine Erfahrung

 

Ich kenne Depressionen aus meiner Vergangenheit. In verschiedener Stärke. Das deutlichste Gefühl bei mir war immer, daß mein Hirn wie in Watte gepackt ist. Daß ich zu keinem Gedanken mehr fähig bin.  Es war wie eine Energiehaube, die sich um meinen Kopf legt und alles Denken unmöglich macht. Von dort aus hat sich die Lähmung oft fortgesetzt in meinen Körper - begleitet von einem Gefühl tiefer Sinnlosigkeit und der Frage, ob jemals wieder eine sinnvolle Bewegung, ein Lebensimpuls, ein freudiger Gedanke möglich ist.

 

Zum Glück liegen meine Depressionen jetzt schon länger hinter mir. Es gibt sicher eine Vielzahl von Gründen, daß sie sich auflösen konnten, aber es gab auch einen ganz klaren Übergang - nachdem mir klar geworden ist, daß die Depression nur ein Sekundärgefühl ist. Diese Klarheit hat mir eine Handlungsmöglichkeit gegeben, die ich vorher nicht hatte.

 

Zulassen von Trauer und Schmerz

 

Wenn sich die Energiehaube der Depression über meinen Kopf gelegt hat und ich das bewußt mitbekommen habe, dann hatte ich den klaren Gedanken, daß ich zu meiner Trauer, meiner Traurigkeit und meinem Schmerz möchte. Ich wollte nicht tot sein und ohne Gefühle in der Depression. Also hab ich mich bewußt dazu entschieden traurig zu sein - auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht genau zuordnen konnte worüber ich traurig bin.

 

Ich hatte einfach den Mut mein Gefühl zu fühlen, statt es mit der Betäubung zu unterdrücken.

 

Der Effekt war verblüffend. In dem Moment, in dem ich die Entscheidung getroffen habe, hat sich die Energiehaube gehoben. Ich konnte wieder frei atmen und klar denken und ich wurde traurig, konnte weinen. Wie gesagt - den Grund der Traurigkeit spielt in dem Moment keine Rolle. Es geht darum, daß das Gefühl sein darf.  Wenn das Gefühl da ist, möchte es sein können. Egal warum es da ist. Und wie beim jedem Gefühl das einfach sein darf, geht es vorüber. Es endet - nicht so wie die Depression, die nie enden wollend ist, weil sie versucht Gefühle zu unterdrücken, die da sind. Das kostet unglaublich viel Energie, was den Zustand Mattigkeit in der Depression noch verstärkt.

 

Und noch was hab ich entdeckt - daß Traurigkeit und Trauer ein schönes, lösendes und eigentlich sehr angenehmes entspannendes Gefühl ist. Jedes Primärgefühl, das wir uns trauen zu leben verbindet uns mit dem Leben. Jedes Sekundärgefühl, das uns das Leben scheinbar einfacher macht, löst nicht. Es hält uns gefangen in einem Zustand, in dem wir uns nicht spüren.

Übung

 

Die Übung zu diesem Eintrag liegt auf der Hand. Ich möchte dazu einladen meine Erfahrung zu wiederholen. In dem Maß und in dem Tempo, in dem es möglich ist. 

 

Unsere Gefühle zu fühlen ist eines der großen Ziele der Achtsamkeit - alle Gefühle.

 

Vor allem aber die, die wir ausgrenzen - vor denen wir uns fürchten, die tabu sind. Alle Gefühle, über die wir ein Urteil haben. Wenn wir sie wieder fühlen werden wir wieder ganz.

 

Siehe dazu auch den Eintrag "Fühle deine Gefühle"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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