Heimat - eine ewige Suche

07.06.2018

Heimat ist ein Gefühl, das man immer sucht, wenn man von woanders kommt. Ich bin mit 6 Jahren von Deutschland nach Österreich gekommen. Seitdem bin ich hier. Meine Eltern sind beide deutsch. Wir sind ständig umgezogen - ich war immer fremd. Und so habe ich bis heute kein genaues Gefühl dafür wie es sich anfühlt Heimat zu haben. Am Ehesten hab ich das Gefühl von Heimat es eine Stadt in Oberösterreich, in der wir am längsten gewohnt haben, und in der ich meine Volksschulzeit verbracht habe.

 

Bin ich Deutscher oder Österreicher? Bin ich Ostfriese (wo ich geboren bin) oder gehöre ich zum Ruhrgebiet? Bin ich Oberösterreicher, Salzburger, oder Wiener? Überall hab ich gelebt? Ich kenne dieses Thema von Freunden, die aus Indien oder Taiwan, dem Libanon oder Frankreich kommen. Wie viel darf ich von dem sein, wo ich herkomme? Wie sehr kann ich jemals Österreicher sein? Muß ich mich entscheiden?

 

Zu wem halte ich, wenn Fußball gespielt wird?  Warum fühle ich mich in meiner Geburtsstadt oft verwurzelter als in Wien? Wo ich doch in Wien seit 30 Jahren lebe und in meiner Geburtsstadt nicht mal ein ganzes Jahr gelebt habe?

 

Diese Gedanken und Gefühle sind verwirrend. Man kommt nie an, solange man glaubt, sich entscheiden zu müssen. 

 

Die Zugehörigkeit

 

Die Frage wohin man gehört bleibt immer. Sie läßt sich nie ohne Widersprüche und eindeutig beantworten. Ich lebe gern in Wien. Ich lebe gern in Österreich. Ich würde mich in Deutschland mittlerweile fremd fühlen. Und doch bin ich alles andere als ein Österreicher.

 

Ich sehe bei vielen Freunden, daß die Frage wohin man gehört tief in die Identität geht. Doch was passiert, wenn wir glauben in unserer Identität einen Teil von uns abspalten zu müssen, um zugehörig zu sein, oder uns zugehörig zu fühlen? 

 

Dafür müssen wir einen Teil von uns leugnen. Wir verletzen das Ganze.

 

Ich bin beides und Keines

 

Widersprüche zu einem Ganzen zusammenzufügen ist für mich heute ein sicheres Zeichen einer guten Lösung.

 

Irgendwann bin ich für mich zu dem Schluß gekommen, daß ich beides bin. Deutscher und Österreicher. Damit kann ich gut leben. Weder Deutscher noch Österreicher. Damit kann ich gut leben. Manchmal bin ich ganz Deutscher und ganz oft ganz Österreicher. Ich habe aufgehört mir darüber Gedanken zu machen, warum das so ist. Ich kann es gut annehmen, daß es so ist. 

 

Integration

 

Aus meiner persönlichen Geschichte habe ich einen eigenen Blick darauf was es heißt sich zu integrieren. Aus meiner Sicht ist die komplette Integration dann möglich, wenn ich meine innere Identität als Deutscher behalten kann. Dann habe ich keinen Widerstand "auch"  komplett Österreicher zu sein. Dann kann ich mich als Ganzes leben. Ich finde es großartig, daß die Iren in den USA bis heute ihren Saint Patricks Day feiern, und daß es wohl nirgends auf der Welt so originale Italiener zu finden gibt wie in Little Italy in New York. Und doch sind diese Iren und Italiener seit Generationen Amerikaner und würden das nie infrage stellen.

 

Ich glaube nicht daran, daß Integration darin bestehen die eigene Herkunft gänzlich aufzugeben, und so zu tun als wäre man wer anderer. Aus meiner Sicht schneidet man sich damit von seinen Wurzeln ab, und lebt eine Lüge. 

 

Es gibt das schöne Zitat von Alexander von Humboldt, daß man sich keine Weltanschauungen von Leuten anhören sollte, die sich die Welt nicht angeschaut haben. 

 

So geht es mir auch mit der Integration. Jeder, der sich zu dem Thema leichtfertig eine Meinung macht, dem empfehle ich, sich vorzustellen wie es wäre, wenn er in einem fremden Land und einer vielleicht gänzlich fremden Kultur leben würde - zum Beispiel in Ägypten. Und die Idee der Integration würde darin bestehen, daß er in allem ein echter Ägypter wird. 

 

Ich glaube, es ist offensichtlich, daß diese Idee recht schnell an ihre natürlichen Grenzen stößt.

 

 

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