Loslassen - die 9 Aspekte der Achtsamkeit Teil 1

01.06.2018

Die 9 Aspekte der Achtsamkeit sind so etwas wie eine Sammlung der Grundwerte, mit denen die Achtsamkeit aufs Leben schaut. Viele der Aspekte verbindet die Erkenntnis, daß nur im direkten Erleben des jetzigen Augenblicks mit allen Sinnen Leben stattfindet. So auch der Aspekt Loslassen.

 

Loslassen bezieht sich in der Essenz darauf, daß wir letztendlich nichts festhalten können, da alles vergänglich ist. Irgendwann kommt der Moment, wo es angemessen ist, etwas ziehen zu lassen, und ja dazu zu sagen - in Anerkennung der Wirklichkeit, daß etwas vorbei ist.

 

Egal ob es ein Gefühl ist, eine Liebe, eine Beziehung, eine Arbeit, eine Jahreszeit, ein Zustand, oder ein alter Gegenstand ist. Irgendwann kommt die Zeit nicht mehr an etwas festzuhalten. 

 

Oft halten wir an etwas fest, was in der Form gar nicht mehr existiert. Wir leben noch in einer Beziehung, weil wir uns an die Liebe erinnern die da war, aber nicht mehr ist. Wir wollen den Sommer nicht ziehen lassen, auch wenn der Winter schon da ist. Wir hängen noch am Verlust einer geliebten Person, weil wir das Gefühl haben ohne sie nicht leben zu können, oder sind traurig, weil die Kinder ausgezogen sind. 

 

Getrennt vom Leben

 

Wenn wir an zu vielem festhalten, was vorbei ist, sind wir ständig in Kontakt mit etwas, was nicht mehr lebendig ist. Wir verlieren den Kontakt zur Gegenwart, denn wir leben in der Beziehung zur Vergangenheit - in der Illusion dort noch etwas zu kriegen für unser Leben was wir brauchen. 

 

In meiner Achtsamkeitsausbildung hat eine kleine Gruppe von uns den Aspekt Loslassen sehr poetisch dargestellt. Ein Mann hatte einen Haufen zusammen geknüllter Papiere in der Hand. Zwei andere haben ihm immer wieder neue Papiere gebracht. Er wollte sie nehmen, aber es ging einfach nicht, da seine Hände voll waren - so fiel ihm alles Neue aus den Händen. Mit der Zeit wurde er immer trauriger, aber er konnte das, was er in Händen hielt nicht loslassen.

 

Im Augenblick sein

 

Unsere Fähigkeit in Beziehung zu sein, unsere Aufmerksamkeit wo hin zu richten ist begrenzt. Am Lebendigsten sind wir, wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit im jetzigen Augenblick sind, und damit präsent sind für das, was das Leben gerade jetzt ist - im einzigen Moment, an dem wir wirklich lebendig sind - dem jetzigen Augenblick.

 

Je besser uns das gelingt, desto mehr üben wir das Loslassen von Moment zu Moment. Wenn wir im Augenblick sind, sind wir mit dem Leben verbunden. Nicht nur die Vergangenheit und das Unerledigte lenken uns vom Augenblick ab. Auch die Erwartungen und Ängste in Bezug auf zukünftige Ereignisse tun das. Nur wenn wir beides loslassen können, können wir im Augenblick ankommen.

 

Jeden Augenblick, den wir voll erleben, können wir auch loslassen. Es sind die Beziehungen, Gefühle und Momente, in denen wir das Leben nicht voll leben - bei denen noch etwas offen ist, die wir nicht loslassen können. Und so kosten sie uns unsere Lebendigkeit. Durch sie verlieren wir die Fähigkeit im Moment zu sein, ihn zu erleben und zu spüren.

 

Etwas nicht mehr halten können

 

Je mehr es ist, das wir nicht loslassen können, desto größer wird die Last. Auch im Alltag.

 

Artikel, die wir noch lesen wollten, Rechnungen, die wir vielleicht noch mal brauchen, alte Bücher, die vielleicht noch mal jemand liest, die 15 Jahre alten Pullover, die eigentlich kaputte Kaffeemaschine, die immer noch im Küchenschrank steht. Und die zu vielen Verpflichtungen, denen wir gerecht werden wollen, auch wenn wir merken daß es sich nicht ausgeht.

 

Je mehr wir festhalten, desto größer wird der Kraftaufwand. Desto größer wird die Verwaltung, die mit dem zu Vielen irgendwie umgehen muß. Die Emails, die noch nicht beantwortet sind, die Arbeiten, die noch nicht gemacht sind, die Veranstaltungen, die ich noch besuchen wollte - es geht sich alles nicht mehr aus, und ich brauche für die Verwaltung des zu Vielen in meinem Leben mehr Zeit als mir zum Leben selber bleibt. Mir geht es wie dem Mann mit den Papieren - ich kann das Viele nicht mehr halten.

 

Beziehung zu mir selber

 

Ich bin mit allem in Beziehung, was ich versuche zu halten. Und je mehr ich versuche so Vieles zu halten, desto weniger bin ich in Beziehung zu mir selbst. Ich verliere nicht nur die Beziehung zum Lebendigen, sondern auch die Beziehung zu mir selbst. Denn für mich und meine lebendigen Bedürfnisse bleibt keine Zeit mehr. Kaum habe ich den Gedanken, daß ich etwas für mich mache, kommt die innere Stimme, die zur Ordnung ruft - denn wer soll sich in der Zeit um alles kümmern was ich nicht loslassen konnte.  Doch wenn ich für mich selber keine Zeit mehr habe, verliere ich an Lebendigkeit.

 

So wird die Übung des Loslassens zur ständigen Übung darin mit sich selbst und dem Augenblick in Kontakt zu kommen. So wie er ist.  Und in Einklang damit zu kommen, daß wir nichts festhalten können. Wenn wir leben wollen ist loslassen die einzige Option. Kein Augenblick ist wie ein anderer, keine Situation wiederholt sich genau so wieder. Das Leben passiert nur jetzt.

 

Gezwungenes Loslassen in der Krise

 

In der Krise sind wir oft gezwungen loszulassen, weil wir uns erschöpft haben. Etwas ist einfach nicht mehr zu halten. Oft ist es die Ohnmacht, die uns zwingt aufzugeben und vor der Wirklichkeit zu kapitulieren. Wenn die Ohnmacht uns lang genug hält, in dem Wissen daß es nichts mehr zu retten gibt, lassen wir los. Oft mit dem Gefühl zu ertrinken oder ins Bodenlose zu fallen. Doch im Loslassen zeigt sich zumeist, daß es erleichtert, daß Last, Anstrengung und Anspannung abfallen. Daß es gut tut erschöpft liegen zu bleiben - und wieder zu sich zu kommen. Noch nicht wissend wie es weiter geht. 

 

Identität

 

Wir verändern uns ständig. Jedes Bild, das wir von uns haben, müssen wir irgendwann loslassen. Denn es existiert nicht mehr.  Oft merken wir, daß uns die Haut, in der wir leben zu eng geworden ist - wir müssen uns häuten wie eine Schlange, damit die Person, die wir geworden sind, sich in ihrer Haut wieder wohlfühlt. 

 

Je leichter wir davon loslassen, ein fixes Bild von uns zu haben, desto leichter wird Wachstum und Leben, desto regelmäßiger und selbstverständlicher können wir uns häuten. Das Loslassen spaltet sich nicht ab von dem wer wir waren. Loslassen läßt nur das alte Bild los, und erkennt an, daß etwas dazu gekommen ist, daß das Alte zwar beinhaltet, aber das Neue ist größer. Es braucht mehr Platz in seiner neuen Haut.

 

Einklang

 

Im Einklang mit der ständigen Veränderung wird Loslassen zu einer Übung, die uns immer wieder ins Jetzt zurückholt. Und das ist letztlich das Ziel von Achtsamkeit - mit allen Sinnen im Jetzt zu sein und dabei in Beziehung mit sich selbst und der Welt.

 

In der Tiefe und mit längerer Praxis in der Achtsamkeit führt Loslassen noch in weitere Gefilde des Loslassens eines Identitätsverständnisses, indem wir uns vom Rest der Welt getrennt fühlen, und damit in eine noch tiefere Verbundenheit mit der Lebenskraft selber. 

 

Loslassen hat so viele Aspekte, daß man sie in einer Betrachtung nur streifen kann. Das Thema selber wird sich in vielen Einträgen in unterschiedlichsten Facetten wiederfinden, denn es hat viele Gesichter. 

 

 

 

 

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