Im Augenblick sein - ein Erlebnis

15.04.2018

Im Augenblick sein - das ist ja ein zentraler Begriff in der Achtsamkeit. Wie viele der Begriffe in der Achtsamkeit ist er manchmal schwer faßbar und man fragt sich, was das eigentlich heißen soll. Zwei Monate nachdem ich auf meinem ersten Achtsamkeitsseminar war hab ich eine meiner längeren Wanderungen gemacht - zusammen mit zwei Freunden quer durch die Tschechei. Und dabei hab ich etwas gelernt darüber was es heißt im Augenblick zu sein. 

 

Die erste Prüfung - meine Kondition

 

Weite Strecken wandern hat für mich immer Parallelen zu Achtsamkeit und Meditation. Auch wenn man in der Gruppe geht, geht man oft Stunden für sich in einigem Abstand. Das Gehen läßt keinen Platz für eine andere Aktivität - so begegnet man sich selber - und seinem inneren Monolog - genauso wie in der Meditation.

 

Schon gleich zu Anfang war ziemlich klar - die beiden Anderen sind schneller. Die beiden Anderen haben eine bessere Kondition.

 

Also bin ich einfach hinterher gegangen - zumindest war das mein Gefühl. In Wirklichkeit bin ich einfach nur gegangen. Nur der Vergleich hatte mir das Gefühl gegeben, daß irgendetwas nicht paßt. Ich bin dann durch alle Emotionen. Erst hatte ich das Gefühl, die könnten ja ruhig ein bißchen langsamer gehen. Dann hätte ich die Chance aufzuholen. Ich war also sozial verknautscht. Dann hab ich mir gedacht, die gehen so schnell, weil sie von mir erwarten, ich könnte schneller gehen. Da hab ich mich also über sie geärgert. 

 

Die Beiden haben nach einiger Zeit eine Pause gemacht. Wir haben uns hingesetzt - etwas getrunken. Und ich hab das erste Mal an dem Tag mit bekommen, daß es von deren Seite gar keine Gedanken dazu gab, daß ich da hinten so langsam gehe. Alles völlig entspannt. 

 

Als wir weiter gegangen, sind habe ich also einfach darauf umgeschalten in meinem Tempo zu gehen und fertig. Und ab da hatte ich die schönste Wanderung.  Die anderen waren schneller, aber das hatte auf einmal nichts mehr mit mir zu tun. Ich war im Augenblick - und zwar so, wie das auf Wanderungen fast automatisch passiert. Ich war ganz in der Natur, in meinem Rhythmus, und habe alles stärker wahrgenommen als ich das sonst im Alltag tue. Auf einmal war mir auch ganz bewußt klar, daß es nur meine Fantasien über die Motivationen der Anderen waren, die mich vom Augenblick getrennt hatten. Jetzt war ich im Augenblick.

 

Die zweite Prüfung - die Berge

 

Am Nachmittag hat der Aufstieg in die Berge begonnen. Und der Aufstieg hat gefühlt dann auch nicht mehr aufgehört. Ich hatte jetzt ein neues "Problem". Schnell war klar, daß es jetzt nicht nur die Frage des Mithaltens mit den anderen war - sondern ob ich die langen Aufstiege überhaupt durchstehen kann. Wir gehen am Tag so zwischen 30 und 50 Kilometer. Ich hatte schnell das Gefühl, daß das ganz schön aussichtslos ist, und ich das den anderen auch sagen und abbrechen muß.

 

Da ich aber wieder so weit hinten war, ging das gar nicht. In der Achtsamkeit ist ja eines der Grundprinzipien die Reaktivität (das schnelle automatische Reagieren auf eine Situation) erst mal einzustellen, nicht gleich zu handeln, und stattdessen zu spüren. Im Alltag ist das oft richtig schwierig. Beim Wandern nicht. Denn die Reaktivität steht einfach nicht zur Verfügung, wenn die anderen so weit vorne sind. Also hab ich wieder meine ein, zwei Stunden gehabt. Da hab ich mich an Lektion Nummer 1 vom Vormittag erinnert und bin wieder dazu gekommen, daß ich ganz in meinem Tempo den Berg rauf gehe. In einer Geschwindigkeit, in der ich meine Muskeln nicht mit jedem Schritt ermüde. Stetig statt mit Kraft. Und auf einmal ging es gut. Nicht schnell, aber gut. 

 

Und noch bevor wir die erste Pause oben am Berg hatten wußte ich, wenn ich auch hier wieder im Augenblick bleibe, dann muß ich mir keine Gedanken machen "wie lange" ich das jetzt noch durchhalte - und was dann ist, wenn es nicht mehr weiter geht. Ich konnte einfach nur einen Schritt nach dem Anderen machen. Und ich wußte, solange ich das machen kann, gehe ich. Mehr mußte ich nicht wissen.

 

Im Laufe des Aufstiegs hab ich dann noch zwei sehr brauchbare Äste gefunden, die ich als Wanderstöcke einsetzen konnte. So konnte ich einen Haufen Kraft auf die Arme bringen und meine Beine damit entlasten. Es hat Spaß gemacht und ich hatte mehr und mehr das Gefühl, daß ich mit Energie und Leichtigkeit auf den Berg gehe, statt mich erschöpft zu schleppen. 

 

Wieder war ich im Augenblick angekommen, und war glücklich. Ich war voll bei dem Gefühl, daß es völlig egal ist, wie lange ich das durchstehe. Solange ich gehe ist es gut.

 

Die dritte Prüfung - wund gescheuert

 

Tags darauf am Nachmittag waren wir dann weit oben. Die Wanderung nur mit leichten Höhenänderungen - das Wetter heiß und schön. Die Welt war wieder in Ordnung. Bis ich feststellen mußte, daß sich aufgrund des Schwitzens meine Beine bei den Oberschenkeln wund gescheuert hatten. Obwohl ich schon oft lange unterwegs war - das war mit neu. Erst dachte ich, das wird nicht so schlimm. Nach ein paar Kilometern war es dann schlimm. Mein erster Gedanke - na dann ist die Wanderung jetzt vorbei. Runter ins Tal - Bus nehmen - nach Wien fahren - fertig. Also war ich zum dritten Mal bei dieser Wanderung meiner Zeit voraus, und hatte mein Schicksal - den Abbruch der Wanderung - schon besiegelt. 

 

Doch einer meiner Mitwanderer hatte eine Tube "Hirschtalg Extrem" dabei. Ist wenigstens eine Linderung, dachte ich mir. Und interessanterweise hat der Hirschtalg das Problem ganz einfach komplett behoben. Ein paar Kilometer später hatte ich keine Schmerzen mehr. Und da ist mir zum dritten Mal am Tag bewußt geworden, was das eigentlich tut, seiner Zeit immer voraus zu sein. Sich mit seinen Fantasien zu beschäftigen, statt im Augenblick zu sein und zu schauen was sich entwickelt - im Augenblick dafür wach zu sein was im Augenblick auftaucht, damit man seine Unternehmung weiter führen kann - statt immer zu denken "wenn das so weiter geht, dann...." 

 

Die Lehre für mich

 

Diese Erfahrung ist mir lange geblieben, weil ich sie auch auf andere Lebenssituationen übertragen konnte. Egal was man tut - wenn es mal schwierig wird, ist es gut stehen zu bleiben und innezuhalten - zu warten ob sich eine Lösung zeigt, statt gleich an Abbruch oder Untergang zu denken. 

 

Die Form der Weitwanderung erleichtert genau diese Erkenntnis. Man kommt beim Wandern dieser Erkenntnis auf eine Art kaum aus. Das liegt an der Geschwindigkeit der Ereignisse und daran, daß man über lange Zeit ganz mit sich ist  - ohne Ablenkung. Wenn wir im Alltag sind, dann gehen die Dinge viel schneller. Wir kommen gar nicht ins Spüren, schon reagieren wir, und schon ist eine Entscheidung gefallen. 

 

Aber eines hab ich gemerkt - das Innehalten - das Spüren an einer Grenze, an der es anscheinend nicht weiter geht - das verbindet nicht nur mit dem Augenblick. Es verbindet vor allem auch mit einer Lösung, die nur so in den Blick kommen kann. Diese Lösung ist in der Regel wesentlicher als das was wir schnell entscheiden - denn sie ist mit uns in der Tiefe verbunden.

 

Wenn wir unsere Grenzen akzeptieren, überwinden wir sie

 

Albert Einstein hat viele Zitate hinterlassen, die mich über lange Zeit begleiten. Eines davon ist "Wenn wir unsere Grenzen akzeptieren, überwinden wir sie." Das liegt für mich auch in den obigen Beispielen. Sobald ich damit in Einklang gekommen bin, daß ich wenig Kondition hatte, und daß ich für den Aufstieg wenig Kraft hatte - konnte ich die Wirklichkeit so annehmen wie sie ist. Ab da konnte ich gut weiter gehen und im Laufe des Tages immer besser in "meinen" Rhythmus kommen. Ich konnte mich so nehmen wie ich bin und ja dazu sagen. 

 

Grenzen existieren oft nur in unserer Vorstellung. Wenn wir im Augenblick bleiben, verschieben wir unsere Grenzen ganz einfach dadurch, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Sie hören auf zu existieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

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