Wir sind alle verwirrt

06.04.2018

"Wenn wir erkennen, daß wir alle verrückt sind, ist die Welt erklärt." Das ist eines meiner Lieblingszitate von Mark Twain.

Es hat in meinem Leben lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, daß wir alle verwirrt sind. Bis ich das erkannt hatte, dachte ich immer, ich bin der Einzige, der sich nicht auskennt. Alle Anderen haben ihr Leben so toll im Griff, sind selbstsicher und immer präsent.

 

Wir idealisieren die Anderen

 

Was an uns verwirrt ist - wo wir uns nicht auskennen, wo wir alleine sind, oder uns anders fühlen als die anderen - das zeigen wir alles nicht her. Wir wollen ja nicht auffallen unter den ganzen normalen - so als der einzige Freak. 

 

Und wie geht es den anderen? Sie zeigen auch immer nur das von sich her, was schön anzuschauen ist, und mit dem sie sich sicher fühlen.

 

Ich mußte erst 35 Jahre alt werden, um hinter diese Fassade schauen zu können. Mit 35 Jahren habe ich das erste Mal eine Ausbildung zur menschlichen Psyche gemacht - in systemischer Familienaufstellung. Im Raum waren über 30 Menschen - ich fast der Jüngste. Und die meisten hatten irgendeinen Hintergrund in Psychotherapie, sozialen Berufen etc. Also hatte ich das Gefühl, ich stelld mich ganz hinten an - so als Regisseur, und lerne viel von allen.

 

Den Anderen geht es so wie mir

 

Ich glaube das Wichtigste, was ich damals in der zweijährigen Ausbildung mit genommen habe war, daß ich schon nach kurzer Zeit sehen konnte, daß jeder mit sich zu kämpfen hat, daß jeder irgendwo anders verwirrt oder unsicher ist, daß jeder sein Päckchen zu tragen hat. Aber ich war das erste mal in meinem Leben in einer Umgebung, in der es dazu gehört hat, daß auch jeder sein Päckchen herzeigt - und die anderen rein schauen läßt.

 

Das war für mich deswegen so eine große Erkenntnis, weil ich bis dahin extrem scheu im Umgang mit Menschen war, und ziemlich gefangen in meinem Gefühl des mich nicht Auskennens, und meiner Andersartigkeit. Ich hatte so oft gerade in Gruppen das Gefühl, ich bin der Einzige, der so denkt wie er denkt, und so fühlt wie er fühlt.

 

Jeder hat einen anderen Grund unsicher zu sein

 

Ein paar Jahre später hab ich eine Ausbildung in "Voice Dialogue" gemacht. Diese auch zweijährige Ausbildung hat immer ungefähr zur Hälfte daraus bestanden, daß wir etwas praktizieren - und uns damit auch exponieren mußten. Die Gruppe war gemischt. Da waren Therapeuten, Coaches, Sekretärinnen, ein Fleischer, und so weiter. 

 

Letztlich mußte jeder immer wieder seinen Mut darin zusammen kratzen, daß er sich exponiert . Aber jeder aus einem anderen Grund. Der Therapeut hat sich gedacht "Um Gottes willen, ich bin schließlich Therapeut - wenn ich das jetzt nicht gut hin kriege, dann ist das ganz schön peinlich." Die Sekretärin hat sich gedacht "Um Gottes willen", ich hab so was von keiner Ahnung im Vergleich zu allen anderen hier - das kann ja nur schiefgehen."

 

Ich hab auch immer meinen Mut gebraucht - aber durch die erste Ausbildung war mir klar, wie es jedem im Raum geht, und ich mußte mich nicht mehr als Freak fühlen. Je normaler ich meine eigene Verwirrung und meine eigenen inneren Konflikte wahrnehme, desto normaler wird es auch sich mit ihnen zu zeigen.

 

Wie schaue ich heute auf Andere

 

Ich gehe heute prinzipiell nicht mehr davon aus, daß irgendwer einfach nur sorglos und immer gut drauf ist, und daß er immer orientiert ist, wo er gerade drin steckt und wie es ihm damit geht. Wenn man so auf andere blickt, ist das entspannend und auch sehr verbindend. 

 

In dieser Haltung fällt es einem selber auch leichter darüber zu reden, was einem gerade ein Rätsel ist, oder wo man sich gerade gar nicht raus sieht. Und wenn mal was einfach so gelingt und einfach nur gut geht - was ja auch vorkommt, dann kann man sich freuen. Diese Seite nimmt man ja immer gern an.

 

Es tut gut als Verwirrter unter Verwirrten zu leben. Zu sehen, daß sich jeder bemüht und sein Bestes gibt. Auch wenn das Beste manchmal auch reichlich ungeschickt ist. So darf der Fehler des anderen genauso dazu gehören wie der eigene. 

 

Wenn wir uns mit unseren eigenen Verwirrtheiten, unseren Unsicherheiten und Problemen zeigen, erlauben wir unserem Gegenüber sich auch zu zeigen. Alle entspannen sich und man begegnet sich als Mensch. Es entsteht Beziehung.

Übung

 

Die Achtsamkeitsübung zu diesem Thema birgt viele Belohnungen. Sie beinhaltet eine Hürde, die vielleicht nicht so leicht zu nehmen ist,

aber ich hoffe, daß die Neugier siegt.

 

Generell versteht man es als Schwäche, wenn man eine Seite von sich her zeigt, die eben nicht souverän und toll ist. Ich sehe es heute als genau gegenteilig an. Es gibt keine größere Stärke, als sich mit seiner Schwäche zu zeigen. Und es passiert immer etwas anderes, als man glaubt. Denn das Gegenüber erkennt in der Regel sofort intuitiv, daß das ein großer Vertrauensbeweis ist. Das schafft sofort Beziehung und ist die Einladung sich auch ganz zu zeigen.

 

Die Übung besteht darin, sich Schritt für Schritt - sozusagen auf sicherem Terrain startend mit seinen Schwächen zu zeigen. Das müssen anfangs keine großen Offenbarungen sein. Und es ist gut damit mit einem Menschen zu starten, zu dem man berechtigt Vertrauen hat, und sich sicher fühlt. 

 

In dem Maß, in dem man den Effekt dieser Übung kennen lernt, kann man die Kreise ausweiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

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