Zeit für mich

11.01.2018

Meistens sind wir stolz darauf anspruchsvoll zu sein. Dinge genau zu nehmen. Den Anspruch zu haben, für andere da zu sein. Den Anspruch zu haben, zuverlässig zu sein. 

 

Doch dieser Anspruch hat auch oft eine Schattenseite. Dieser Anspruch fordert sehr viel von uns. Dieser Anspruch verführt uns oft dazu mehr zu geben, als wir wirklich zur Verfügung haben, und dadurch vergessen wir uns selbst. Wir haben für den Beruf Zeit, für die Koordination des gemeinsamen Lebens, für die Kinder, für die Familie, für die Freunde.

 

Bald fühlen wir uns erschöpft, merken aber, daß wir unseren Anspruch nicht aufgeben können. Wir fühlen uns dann sozusagen als Sklave unseres Anspruchs für alles und jeden da zu sein.

 

Aber was ist mit unseren eigenen Bedürfnissen? Mit der Zeit, die wir uns für uns selber nehmen? In der wir keine Aufgaben erledigen, und in der wir auch für Niemanden zur Verfügung stehen?

 

Wie schauen wir auf uns selbst?

 

Wie schauen wir auf uns selbst, wenn wir so viele Ansprüche erfüllen? Wir können das nur, wenn wir uns selber anspruchslos machen. Wenn wir auf unser Bedürfnis verzichten und das Bedürfnis des Anderen im Kleinen wie im Großen über unser eigenes Bedürfnis stellen.

 

Je anspruchsvoller wir im Außen sind, desto anspruchsloser gehen wir mit uns selbst um. Wie viel Wert messen wir uns selber bei, wenn wir uns keine Zeit gönnen die uns selber gehört. Und in der wir keinen anderen Anspruch haben, als mit dem Menschen in Beziehung zu gehen, der uns am nächsten ist - mit uns selbst?

 

Was macht das mit uns ?

 

Wir werden einsam. Wir geben, aber nehmen nicht. Und je mehr wir geben, desto stärker wird der Effekt. Je weniger wir uns selber sehen, desto weniger sehen uns die Anderen. Wir fühlen uns allein gelassen, weil wir das Gefühl haben, daß uns die Anderen nicht sehen, und vergessen dabei, daß wir es selber sind, die uns nicht sehen. Daß wir es selber sind die sich mit ihren Bedürfnissen nicht zeigen. 

 

Solange wir uns selber nicht sehen können wir uns auch nicht zeigen. So bleiben wir auch für die Anderen mit unseren Bedürfnissen unsichtbar. Das kann so weit gehen, daß wir unsere eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr kennen - oder daß sie verschwinden, sobald wir ein Gegenüber haben.

 

Wenn wir mit uns selbst nicht in Beziehung sind, sind wir in der Tiefe auch nicht in Beziehung mit anderen. Das, was wir für andere "tun" bringt uns nicht in Beziehung. Nur wo wir uns selbst zeigen können wie wir sind, und unser Gegenüber annehmen wie es ist, sind wir wirklich in Beziehung.

 

Daher ist es so wichtig, daß ich mir zuerst Zeit für mich nehme, und dann für meine Beziehungen.

Übung ohne Anspruch

 

Wenn wir einen Weg aus diesem Kreislauf heraus finden wollen, gibt es einen ersten wichtigen Schritt.

 

Zeit mit uns selbst für uns selbst.

 

Ohne Aufgabe. Am besten tragen wir jeden Tag eine halbe Stunde für uns selber in den Terminkalender ein.  Im besten Fall werden wir uns treu darin diesen Termin mit uns selber zu halten. 

 

In dieser Zeit ist es nicht sinnvoll sofort darüber nachzudenken, was wir anders machen, oder wie wir uns selbst nahe kommen können. Denn wenn wir das machen, sind wir schon nicht mehr in Beziehung mit uns in dem Augenblick, sondern mit dem Bild das wir davon haben wer oder wie wir sein sollten. 

 

Die Zeit ist am besten gefüllt damit, daß wir etwas tun, von dem wir wissen, daß es uns guttut. Etwas wie gehen oder malen, etwas im Garten tun, oder ein Bad nehmen, vielleicht auch Meditation - die reinste Form mit sich selbst zu sein, ohne daß etwas von außen dazu kommt.   Jede kontemplative Tätigkeit, wie auch einfach nur still sitzen und wahrnehmen ist gut, solange sie ganz einfach nur damit zu tun hat, daß wir in dem Moment sein dürfen wie wir sind - ohne Anspruch von außen, und ohne Anspruch an uns selbst.

 

Wichtig ist dabei, daß ich die Zeit wirklich "mit mir" verbringe, ohne dabei etwas zu konsumieren. Auch kein Buch oder einen Film. Denn dann kriege ich wieder neuen Input, statt zu mir zu kommen. Konsum ist Ablenkung von mir selbst.

 

Am besten vergeht diese halbe Stunde damit, daß wir keine Erwartungshaltung haben, sondern diese halbe Stunde in dem Vertrauen erleben, daß sie mit der Zeit etwas Positives in unser Leben bringt. Ohne daß wir selber etwas dazu wissen oder tun müssen. Daß sich in dieser halben Stunde Stück für Stück etwas in uns ordnet, ohne unser Zutun. Nur mit einem Ziel -  mit meinen Sinnen ganz in dem zu sein, was ich in dieser halben Stunde erlebe.

 

Was ich mit meinen Sinnen erleben kann, gibt mir Sinn.

 

Wenn wir das eine Zeit lang gemacht haben, können wir sehen, welchen Effekt es auf unser Leben hat, und vielleicht können wir dann einen nächsten Schritt gehen.

 

Mit jedem Schritt, mit dem wir mit uns in Beziehung kommen, kommen wir auch im Außen wieder in Beziehung. Und in dem Maß, in dem das gelingt wird der Anspruch kleiner immer perfekt und nur dann liebenswert zu sein. Und die Möglichkeit wird größer uns mit unseren Bedürfnissen zu zeigen - weil wir uns die Zeit genommen haben, sie zu spüren.

 

 

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