Annehmen was ist

Annehmen was ist, ist vielleicht das zentrale Element der Achtsamkeit. Genauer gesagt geht es darum anzunehmen was ist, ohne es anders haben zu wollen. 

 

Die Idee dazu Anzunehmen was ist, kommt aus einer klaren Beobachtung wie wir mit unserer Welt umgehen. Wir wollen Dinge, die uns angenehm sind halten, und wir wollen Dinge, die uns unangenehm sind, von uns fern halten. Dieser Reflex ist irgendwo natürlich, aber er ist auch dafür verantwortlich, daß wir an beiden Enden in Konflikt kommen. Wir können die schönen Dinge nicht halten und den unangenehmen Dingen nicht ausweichen. Also ist die Frage, wie wir mit dieser Wirklichkeit in Beziehung gehen.

 

Wie die Aufgabe zu lösen ist, wirkt für jemanden, der frisch zur Achtsamkeit kommt wie ein Zen Koan. Irgendwie nicht lösbar. Wie soll ich etwas annehmen, was ich nicht will - und wie soll ich etwas loslassen, das ich will. Das widerspricht aufs Erste ja jedem gesunden Menschenverstand.

 

Doch wenn man in die Tiefe geht, erschließt sich schnell, unter welchen Voraussetzungen dieser Blick dafür sorgt, daß wir ein wesentlich friedlicheres Leben führen können - weniger in Konflikt mit uns, und mit dem was um uns herum ist.

 

Nur wenn dem Bewußtsein diese Zusammenhänge bewußt sind, kann ich annehmen, daß diese Haltung dem Leben gegenüber gut ist. Denn wenn ich mit meinem Alltagsbewußtsein auf die Aussage schaue, wird sich zu Recht ein Haufen Widerstand regen.

 

Die Wirklichkeit

 

Die Wirklichkeit richtet sich meist nicht danach, was wir wollen. Das ist das Grundproblem. Täte sie das, wäre unser Leben ohne Konflikt. Doch die Wirklichkeit wirkt. Es geht also im Leben immer um die Frage, wie ich im Angesicht der Wirklichkeit, in der ich bin am besten leben kann.

 

Die Antwort der Achtsamkeit ist darin klar - indem ich sie so annehme wie sie ist, und nicht mit ihr in Konflikt gehe. Denn wenn ich mit der Wirklichkeit in Konflikt bin, passieren zwei mögliche Dinge: a) ich stelle an die Wirklichkeit Ansprüche anders zu sein als sie ist, und so lange befinde ich mich im Kampf - oder b) ich existiere zwar in dieser Wirklichkeit, bin aber nicht in Kontakt mit ihr. Ich verstecke mich, schaue nicht hin - sozusagen im stummen Protest. Mein Körper ist zwar da - aber ihr kriegt mich nicht.

 

Das Opfer der Situation

 

Beide Haltungen führen zu einer ganzen Reihe von unerfreulichen Folgeerscheinungen. In beiden Haltungen fühlen wir uns als Opfer der Situation und es wird ein kindlicher, verletzlicher Teil in uns angesprochen, der in dieser Haltung im Kampf um Anerkennung, im Trotz, im Rückzug die Lösung ganz vom Anderen abhängig macht. "Wenn der Andere nur so und so wäre", dann ginge es mir ja wieder gut - dann würde ich auch wieder nett sein, mich zuwenden. 

 

Dieser Anspruch an mein Gegenüber führt in aller Regel dazu, daß genau das Gegenteil passiert. Der Standpunkt des Gegenübers wird sich verhärten, wenn es merkt, daß an ihn ein Anspruch auf Veränderung gestellt wird - oder es Vorwürfe gibt, warum er so handelt, wie er handelt.

Denn der Vorwurf und der Anspruch gehen beide davon aus, daß der andere a) anders handeln kann und b) wissen müßte, wie er so handeln kann, daß es dem Gegenüber recht ist. Er hat aber vielleicht ganz andere Motivationen und für sein Handeln.

 

Sobald ich im Vorwurf und Trotz bin, interessiert mich das leider alles nicht. Ich bin nicht interessiert daran, warum mein Gegenüber handelt, wie er handelt - ich will nur, daß er anders handelt, als er handelt. Ich bin also viel mehr in Kontakt mit der Wirklichkeit, wie ich sie haben möchte, als mit der Wirklichkeit, die tatsächlich da ist.

 

Der verletzte Teil in mir besteht darauf, einen Anspruch auf Entschuldigung zu haben - einen Anspruch darauf, daß sich der Andere so verhält, daß ich damit gut leben kann. Dieser Anspruch bindet mich in jeder Weise an mein Gegenüber. Denn ich mache die Lösung in der Situation davon abhängig, daß er sich in die Wirklichkeit bewegt, die mir angenehm wäre. In dieser Haltung bin ich nie wirklich frei, unabhängig und erwachsen.

 

Das heißt - ich kann in der Situation auch nicht eigenverantwortlich so handeln, wie es mir guttut, und dazu stehen. Denn ich erwarte die Lösung ja durch die Veränderung des Anderen.

 

Anhaften am dem was schön ist

 

Das Gleiche gilt für die Situationen, bei denen ich das was schön ist, und mir guttut so lange wie möglich halten möchte. Ich möchte es sozusagen konservieren, damit es immer da ist, und ich immer glücklich bin.

 

Doch auch hier verhält sich die Wirklichkeit nicht so, wie wir das wollen. Die Wirklichkeit verändert sich ständig und damit auch die Dinge, die uns glücklich machen, bei denen wir uns wohlfühlen - auch die Menschen, die in unserem Leben sind, verändern sich. Wie sehr wir auch wollen, daß das nicht so ist - es ist die Wirklichkeit. 

 

Vielleicht verläßt uns unser Partner und wir hängen noch an der Erinnerung an das Glück, das wir mit ihm geteilt haben. Dann sind wir aus der Haltung heraus in Konflikt mit der Trennung.  Das was schön war hätten wir halten wollen. Doch jetzt sind wir in dieser Wirklichkeit und wollen sie so nicht. Also hängen wir auch nach der Trennung dieser inneren Wirklichkeit nach. Wir sind mehr in Kontakt mit dem was einmal war, als damit, in welcher Wirklichkeit unsere Beziehung angekommen ist. 

 

In der Tiefe ist das Verlustgefühl von etwas Schönem oft das Gleiche wie der Konflikt mit dem was ist, den ich oben beschrieben habe. Wir machen unser Glück davon abhängig, daß sich die Wirklichkeit nach unseren Wünschen richtet. Tut sie das nicht, sind wir oft lange unglücklich, wenn wir etwas verloren haben, was uns gutgetan hat. 

 

In diesem Unglück können wir oft lange, manchmal jahrelang hängen. Doch solange wir darin hängen, tauchen wir nicht wieder in der wirklichen Wirklichkeit auf - wir hängen immer in einer Wirklichkeit, die es nicht mehr gibt. In der Anerkennung des Verlusts können wir in eine echte Trauer kommen und den Schmerz der Trennung wirklich spüren. Diese Gefühle lösen, und wir werden dadurch wieder frei für unser Leben wie es ist - und auch oft frei für einen nächsten Schritt - da wir nicht mehr in der Vergangenheit hängen.

 

Wie gelingt das  - Annehmen was ist?

 

Wenn wir hören, wir müssen eine Wirklichkeit, die nicht so ist wie wir sie wollen annehmen wie sie ist, und eine Wirklichkeit, die wir wollen und die uns gut tut einfach loslassen, dann sind wir erst mal vor den Kopf gestoßen - zu Recht, meine ich.

 

Beginnen wir damit, daß wir das annehmen sollen was ist, auch wenn es uns unangenehm ist. 

 

Die berechtigte Frage ist - "ja.... aber was ist denn dann mit mir? Und meinen Gefühlen? Und wer nimmt mich denn an wie ich bin? Und warum soll ich das machen und nicht der Andere?"

 

Diese Reaktion zeigt, was ganz wesentlich dazu gehört, wenn man die Wirklichkeit annehmen möchte wie sie ist. Es gehört dazu, daß man in Kontakt mit seiner eigenen inneren Wirklichkeit ist, mit seinen eigenen Gefühlen. Daß man sich diese Gefühle zugesteht, daß man sie fühlen und sich mit ihnen zeigen kann.

 

Überall, wo uns das gelingt, sind wir nicht in Konflikt. Denn wir können der äußeren Wirklichkeit unsere innere Wirklichkeit gegenüber setzen.

 

Wo uns das nicht gelingt, gehen wir in eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit, die sie abwertet. In eine Haltung, die Ansprüche und Vorwürfe hat. In eine Haltung, die die Achtung vor dem Gegenüber verliert. Aber nur aus einem einzigen Grund - daß wir in dem Moment die Selbstachtung nicht haben dazu zu stehen, wie es uns geht, und das im Angesicht des Anderen zu vertreten - ganz schlicht. Ohne Vorwurf und Anspruch dem Anderen sagen zu können, daß man etwas anders sieht als er, ohne von ihm zu verlangen daß er anders sein sollte schafft Beziehung statt Konflikt.

 

Die Annahme der Wirklichkeit gelingt nur in dem Maß, in dem ich mich selbst annehme wie ich bin

 

Die Annahme der Wirklichkeit ist mir in dem Maß möglich, wie ich mich selbst annehme, und daher zeigen kann. Dadurch wird meine Wirklichkeit etwas, was ich der äußeren Wirklichkeit gegenüber setzen kann. Wo mir das gelingt, bin ich erwachsen, und fühle mich nicht mehr als Opfer der Situation. Durch meine Haltung kann ich dem Gegenüber sagen: So ist die Situation für dich - so ist sie für mich. Wie gehen wir jetzt am besten damit um.

 

Beide können so sein wie sie sind, können sich zeigen wie sie sind, und man kann gemeinsam eine Lösung finden, die beiden entspricht. Wenn das gelingt, sind wir in Beziehung. Jeder mit sich - und beide miteinander. In der Regel findet sich auf der Ebene eine gute Lösung für Beide.

 

Wenn man dann drauf kommt, daß man etwas vielleicht nicht teilen kann, weil zwei grundlegend verschiedene Bedürfnisse da sind, kann jeder für sich machen was seinem Bedürfnis entspricht, und man ist trotzdem in Beziehung - auch wenn der Andere vielleicht etwas Anderes macht. Denn man hat sich aufeinander bezogen - hat die Wirklichkeit Beider anerkannt.

 

So sind beide gesehen. Sogar wenn man dann etwas getrennt macht, geht man nicht in Trotz oder Verletztheit. Man freut sich, wenn man den Anderen wieder sieht. Die Beziehung wird nicht verletzt, wenn die eigene Wirklichkeit genauso gesehen wird wie die des Gegenübers.

 

Die Lösung gelingt immer nur auf einem Weg

 

"Annehmen was ist" gelingt nur in eine Richtung vollständig. Sie gelingt nur, wenn ich mich selber annehmen kann, wie ich bin. Die Annahme meiner Gefühle und Gedanken ohne Urteil mir selbst gegenüber und mich im Angesicht des Konflikts so zeigen zu können wie ich bin schafft die Basis dafür, daß ich die Wirklichkeit und mein Gegenüber auch annehmen kann wie er ist. 

 

Wenn ich versuche mein Gegenüber oder die Wirklichkeit anzunehmen wie sie sind, ohne mich selber anzunehmen wie ich bin, wird ein Teil von mir immer im Widerstand bleiben. Es gibt keinen Weg darum herum. Solange ich mich selbst nicht annehmen und zeigen kann wie ich bin, gibt es immer einen Teil in mir, der sich als Opfer fühlt, der verletzt ist, und der zu einem Teil in Kampf, Trotz oder Resignation verharrt.

 

Wie gehe ich jetzt damit um?

 

Auch wenn das Bewußtsein begreift, was in diesem Eintrag geschrieben ist, fragt es sich auch gleichzeitig - wie soll mir das alles gelingen. Komplette Selbstannahme und Annahme der Wirklichkeit wie sie ist. Ich bin ja kein Heiliger - und außerdem kenn ich niemanden, dem das gelingt.


Die Praxis der Achtsamkeit besteht als Ganzes aus Übungen und Meditationen, die uns dabei helfen in diese Haltung zu kommen. Schritt für Schritt - mit Geduld und Vertrauen darin, daß es sich in diese Richtung entwickelt. Wir werden darin immer fehlbar bleiben - die Übung in Achtsamkeit bleibt eine Übung darin diese Haltung zu vertiefen - doch sie endet nie. Wir bleiben in Übung. Doch wenn wir in Übung bleiben, werden die Momente, in denen wir "die Wirklichkeit annehmen können wie sie ist" häufiger, und unser Konflikt mit der Welt und uns selber wird weniger.

 

Ich möchte am Ende dieses Eintrags eine Übung für den Alltag mitgeben, die man in gewisser Weise mal schlucken kann wie eine Pille - einfach um auszuprobieren ob sie hilft.

Übung

 

Wenn du gesehen werden möchtest, schau hin - und wenn du gehört werden möchtest, höre zu.

 

Dieser Satz klingt paradox, aber er führt direkt zur Lösung im Konflikt.

 

Wenn es dir gelingt, den anderen so zu sehen wie er ist, und ganz bei ihm zu bleiben, während er sagt, was er sagt, fühlt sich dein Gegenüber gesehen. Am besten machst du das, in dem du erst wieder etwas sagst, wenn dein Gegenüber ganz ausgeredet hat. Damit gibst du ihm maximal den Raum das auszudrücken was er sagen will.

 

Wenn dir das gelingt, wirst du merken, daß du in dieser Zeit des Zuhörens gleichzeitig sehr in Kontakt mit dir selber kommst. Mit allen möglichen Gefühlen und Gedanken, die kommen und gehen. Wenn du ganz beim Anderen bist, gelingt es dir auch, deine eigenen Gefühle ganz wahrzunehmen. Das klingt paradox - es entsteht aber, wenn diese Übung des achtsamen Zuhörens gelingt.

 

Du kommst in Beziehung mit der Wirklichkeit des Anderen und mit deiner eigenen.

 

Das hilft, um mehr Klarheit in der Situation zu bekommen. Wenn es dir dann noch gelingt deinen eigenen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben, ohne dabei ein Urteil, einen Anspruch oder Vorwurf an den anderen zu verpacken, dann gelingt Beziehung.

 

Welcher Teil dieser Übung auch immer dir gelingt, es ist ein Schritt in eine gute Richtung. 

 

Dort, wo wir im Vorwurf und Anspruch sind, sind wir getrennt - kommen aber nicht voneinander los. Wir sind gebunden.

Dort, wo wir in Beziehung mit unserer eigenen Wirklichkeit und der Wirklichkeit des Anderen sind, sind wir verbunden, und gleichzeitig frei.

 

 

 

 

 

 

 

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