Als mein Bewußtsein mein Herz entdeckt hat

28.12.2017

Da diese Entdeckung für mich persönlich sehr wichtig war, möchte ich sie hier teilen. 

Die in diesem Eintrag beschriebene Lösung hat mein Leben tatsächlich grundlegend geändert, da mein Bewußtsein eine interessante Entdeckung gemacht hat. Vielleicht enthält mein Lösungsweg eine Inspiration zur Lösung für jemand Anderen. 

 

Mein Hirn läuft Amok

 

Ich bin jemand, der sich immer auf seinen Verstand verlassen konnte - immer durchdacht - immer gut strukturiert. 

Aber ich habe immer wieder Erlebnisse in meinem Leben gehabt, bei denen ich gemerkt habe, mein Hirn denkt, und denkt, grübelt sich zu Tode - kommt aber zu keiner Lösung.

 

Egal wie oft ich über die Sache nachdenke, ich stehe wieder vor dem gleichen ungelösten Problem. Wo das bei mir so war, hat mich die Sache dann irgendwann in meine Träume verfolgt, und meine Gedanken waren so damit beschäftigt die Sache zu lösen, daß sie mich um den Schlaf gebracht haben, wenn ich morgens kurz aufgewacht bin. An weiter schlafen war dann nicht zu denken.

 

Ein seltsamer Dreh

 

In meinem Leben als Regisseur hatte ich einen Dreh, bei dem die Recherche für eine Dokumentation ungewöhnlich lang vor dem Dreh stattgefunden hat. Ich habe mein Drehbuch geschrieben und war mit allem glücklich - konnte aber erst Monate später die Dreharbeiten

beginnen. 

 

Als der Dreh näher kam, wußte ich bei den meisten Themen und Drehorten in der Dokumentation nicht mehr, warum ich sie ausgewählt hatte, und was ich eigentlich genau erzählen wollte.

 

Also hat mein Verstand versucht, sich da durchzudenken. Er hat es aber nicht geschafft.  Die Sache hat mich verfolgt und ich wurde in der Vorproduktion jede freie Minute von diesen quälenden Gedanken heim gesucht, die ja doch zu keiner Lösung führten.

 

Als ich schließlich den Dreh hatte, war ich jeden Abend mit plagenden Gedanken im Hotel. Ganz sicher, daß ich den Drehtag über nur wirr sein werde - doch jeden Drehtag, wenn ich in der Früh aus dem Auto gestiegen bin, wußte ich sofort, was ich machen möchte - und mir war den ganzen Tag alles klar.

 

So ging das Tag für Tag - jeden Abend quälende Gedanken, jeder Drehtag voll im Flow.

 

Nach dem Dreh

 

Die Diskrepanz war so auffällig, daß ich mich nach dem Dreh hin gesetzt, und mich gefragt habe - was ist da genau passiert, in dem Augenblick, als ich am Morgen aus dem Auto gestiegen bin, den Drehort und die zugehörigen Menschen gesehen habe. Denn genau in dem Moment war ich in der Lösung und von allen quälenden Gedanken befreit.

 

Schließlich bin ich drauf gekommen, daß ich - ohne daß es mir bewußt war - meine Arbeit immer nach einem Kriterium ausgerichtet habe. Was spricht mein Herz an? Wo schaue ich hin und bekomme wegen der Menschen oder dem welche Ausstrahlung etwas hat, eine herzliche Beziehung. Und wie kann ich das, was mich berührt, dann umsetzen ?  Dabei geht es rein um die emotionale Verbindung.

 

Durch die lange Zeit, die seit der Recherche vergangen war, war dieses Gefühl verschwunden, als ich den Dreh geplant hatte - aber sobald ich vor Ort war, hat mein Herz das alles sofort wieder erfaßt, und hat die Regie übernommen.

 

Die Biografie meines Herzens

 

Ein Schluß war mir aus dieser Beobachtung sofort klar. Wenn meine Gedanken sich zu Tode denken, dann nur deswegen, weil sie versuchen etwas durch Denken zu lösen, was durch Denken nicht zu lösen ist. Sonst können meine Gedanken nicht überfordert sein. Meine Gedanken haben versucht etwas zu lösen, was nur durch mein Herz zu lösen ist.

 

Mein zweiter Schluß war, daß mein Bewußtsein sich offensichtlich mehr auf meinen Verstand verläßt, als auf mein Herz. Sonst hätte gewußt, daß es nichts zu denken gibt. 

 

Also hab ich mir die Arbeit gemacht, mich durch mein ganzes Leben zu denken, und mich zu fragen, was denn die Geschichte meines Herzens ist. Dabei bin ich drauf gekommen, daß mein Herz in meinem Leben alle wichtigen Entscheidungen getroffen hat, und daß es nie daneben lag. Es war nur mein Verstand, der mit der Auswahl meines Herzens oft in Konflikt war, und mein Bewußtsein, daß sich nicht getraut hat, der Auswahl des Herzens zu folgen, weil es sich dabei nicht sicher gefühlt hat.

 

Beim Thema Sicherheit bin ich in Gedanken bei meinen Eltern gelandet. Mein Vater, ein Mann, der sein ganzes Leben kein Herz zeigen konnte, der hartherzig und starr war - und meine Mutter, die so herzlich war - darin aber nie ihre Grenzen wahren konnte, und so - wann immer sie herzlich war verletzt wurde. 

 

Das war also das Bild, das ich von zu Hause von Herzlichkeit mit bekommen hatte.

 

Als ich am Ende dieser Gedankenkette angekommen war, habe ich beschlossen, daß ich meinem Herz genauso blind vertrauen kann wie meinem Verstand. Und so erspare ich es meinem Verstand, daß er meine "Gefühle mit denken" muß, und dabei überhitzt. Das Hirn tut gut daran zu denken und das Herz tut gut daran zu fühlen. Das Bewußtsein tut gut daran beide Anteile gleich zu achten.

 

Ich kann mich zeigen, wie ich bin

 

Die ganze Sache hat bei mir zu einer entscheidenden Veränderung in meinem Leben geführt. Seit mein Bewußtsein meinem Herz in vollem Umfang zustimmen kann, kann ich mich in jeder Situation zeigen, wie ich bin. 

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut, heißt es in Antoine de Saint Exupery's "Der Kleine Prinz"

 

Seit meiner Einsicht schau ich mit dem Herz ins Leben. Ich habe dabei gelernt, daß das Herz etwas Anderes sieht als der Verstand, wenn es ins Leben schaut. Das Herz kennt keine Hierarchien, es stellt sich nie über jemanden, und es stellt sich nie unter jemanden. Das Herz schafft Verbindung. Wenn wir mit dem Herz sehen, dann sind wir mit dem Gegenüber in Beziehung, und gleichzeitig auf Augenhöhe. Das Herz kennt kein Urteil und keinen Vorwurf.

 

Es ist das Bewußtsein, daß die Erlaubnis dazu geben muß, diesen Schritt zu gehen. Wenn es gelingt, liegt darin eine große Freude, Lebendigkeit, und Lebenslust. Und das so wichtige Gefühl der Zugehörigkeit begleitet uns durch den ganzen Tag.

 

Weder der Verstand noch der Körper werden dadurch entwertet, daß wir dem Herzen in vollem Umfang zustimmen können. Wenn Körper, Verstand und Herz in Ausgleich sind, sind wir als Menschen im Gleichgewicht.

 

Für mich ist dieser Eintrag ein schönes Beispiel dafür, zu welchen Beobachtungen wir über uns selbst kommen können, wenn wir die Praxis der Achtsamkeit vertiefen und unsere inneren Abläufe verstehen lernen. Wir bekommen Stück für Stück die Möglichkeit, in alle möglichen Teile unserer Psyche hinein zu spüren, und Dinge genau anzuschauen. Jede Lösung, die so gelingt verbindet uns wieder ein Stück mehr mit dem Leben.

Übung

 

Schreibe für dich eine Biografie deines Herzens. Achte darauf, welche Entscheidungen dein Herz in deinem Leben getroffen hat - und welche es getroffen hätte, die du in deinem Leben aber letztendlich anders getroffen hast. Was lernst du dabei über dein Herz?

 

Wenn du das Gefühl hast, daß dein Herz sich nicht gut genug schützen konnte, und du oft verletzt wurdest, wenn du dein Herz gezeigt hast, dann lese auch den Eintrag mit dem Titel: Wie kann ich meine Grenzen schützen?

 

 

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