Wir möchten nur gesehen werden

26.12.2017

Oft verzweifeln wir im Konflikt daran, daß uns der andere nicht versteht, und sind gleichzeitig blind dafür, daß es unserem Gegenüber auch so geht. Jeder erlebt den anderen im Konflikt als dominant und sich selber als Opfer. Beide Seiten wollen gesehen werden und können den anderen nicht sehen.

 

Denn jeder ist aufgrund seiner Verletztheit blind für den anderen.

 

Jeder Konflikt hängt in der Tiefe damit zusammen, daß wir uns nicht gesehen fühlen, und gleichzeitig Angst haben davor, uns mit unserer Verletzlichkeit zu zeigen. 

 

Jeder Konflikt endet erst dort, wo wir uns gesehen fühlen, und auch den anderen sehen. Beides gehört zusammen. Wenn jeder am Ende eines Konflikts sagen kann, daß er sich gesehen fühlt, dann ist der Konflikt beendet.

 

Lösung in der Achtsamkeit

 

Die Achtsamkeit hat einen auf den ersten Blick verblüffenden Lösungsweg:

 

Wenn ich gehört werden möchte, höre ich zu.

Wenn ich gesehen werden möchte, versuche ich den anderen zu sehen.

 

Ich mache also im Konflikt etwas, was gegen die Intuition spricht. Ich wende mich voll und ganz mit meiner Aufmerksamkeit dem Anderen zu und bleibe ganz bei ihm.

 

Der, dem es gelingt, in einem Konflikt die Wirklichkeit des Anderen in sich entstehen zu lassen - ohne Urteil und Vorwurf, der kann die Welt aus den Augen des anderen wahrnehmen. Genau an dem Punkt entsteht Beziehung. Wenn die Wirklichkeit des anderen in mir leben darf.

 

Wo das gelingt, wird schon mal einer der Beiden im Konflikt gesehen. Und wenn sich der andere gesehen fühlt, ist er oft bereit ohne inneren Widerstand meiner Wirklichkeit zuzuhören. 

 

Warum wir in den Kampf gehen

 

Das Schwierige ist oft, daß wir zu Beginn eines Konflikts in ganz unterschiedlichen Wirklichkeiten leben, die nicht vereinbar scheinen. Wir haben das Gefühl, daß sich entweder unsere Sicht, oder die Sicht des anderen durchsetzen muß. Daß diese beiden Wirklichkeiten nicht nebeneinander stehen können. Und damit gehen wir in den Kampf. Urteil und Vorwurf führen dazu, daß das worum es geht immer weiter in den Hintergrund rückt, und daß die persönliche Auseinandersetzung immer unerbittlicher wird.

 

Erst wenn beide Wirklichkeiten sein dürfen - auch wenn sie sich widersprechen - kann es zu einer guten Lösung kommen. Es entsteht eine neue Wirklichkeit - die gemeinsame Wirklichkeit, mit der man auf das Problem schauen kann. Wie kann man zu einer Lösung kommen, die beide Wirklichkeiten beinhaltet? Es gibt diese Lösung immer. Sie gerät nur so leicht aus dem Blick.

 

Es ist egal, wem es gelingt, den ersten Schritt zu machen - im Konflikt ganz beim Anderen und seiner Wahrnehmung zu bleiben, und dabei alle Gefühle und Gedanken zu halten, die in ihm auftauchen - ohne den anderen unterbrechen zu wollen. Das ist keine einfache Übung, vor allem, wenn die Emotionen hoch gehen, und viel Vorwurf vom Anderen kommt. Gerade dann neigt man dazu dem Anderen nach jedem Halbsatz ins Wort fallen zu wollen. Gerade dann hat man das Gefühl es gar nicht auszuhalten still zu halten - und zuzuhören. 

 

Doch gerade dann ist es wichtig. 

 

Unsere verletzliche Seite zeigen

 

Wenn unser Gegenüber uns einen Vorwurf macht oder wir unserem Gegenüber sind wir in Wahrheit nie in Kontakt und in Beziehung mit unseren wirklichen Gefühlen und auch nicht mit dem Gegenüber. Wir versuchen uns im Konflikt in der Wut möglichst groß oder in der Depression möglichst klein zu machen und unsere verletzliche Seite nicht zu zeigen. Doch sie ist die Einzige, die zur Lösung führt.

 

Wer den Mut hat, im Konflikt den Weg des Zuhörens zu gehen wird merken, daß er im Zuhören und Halten der eigenen Gedanken und Gefühle zu seinen eigenen wirklichen Gefühlen Zugang bekommt. Wut oder Depression treten dann in den Hintergrund. Wir kommen zu Traurigkeit und Schmerz, die hinter der Wut oder der Depression stehen.

 

Denn das Aussetzen des Agierens bringt uns in Kontakt mit uns selbst - mit dem was wir selber spüren und bringt uns selber in die Klarheit. In Beziehung mit uns selbst.

 

Und wer in Beziehung mit sich selbst ist, kann sich gleichzeitig zeigen und den anderen sehen. Damit endet jeder Konflikt.

 

Wer den Mut hat, sich mit diesen Gefühlen zu zeigen, mit seinen Bedürfnissen und Ängsten, der macht sich für den anderen sichtbar. Erst wenn die Bedürfnisse und Ängste beider sichtbar werden, wird der Zugang zur neuen Wirklichkeit, die die Sichtweise beider beinhaltet möglich.

 

Wenn wir sehen und gesehen werden, kommt Friede, und der Kampf hört auf.

 

Ein scheinbares Paradox

 

In der Sicht der Achtsamkeit definiert sich das Verlangen gesehen zu werden nicht als Anspruch an den anderen, sondern als eine Möglichkeit aktiv in Beziehung zu gehen, indem ich den Anderen sehe.

 

Gesehen zu werden ist bei jedem Menschen das vordringlichste Bedürfnis - es ist der Schlüssel zur so lebensnotwendigen Zugehörigkeit.

 

Wenn wir verletzt sind, wird ein kindlicher Anteil in uns angesprochen, der gesehen werden möchte. Daher fühlen wir uns auch oft so ohnmächtig im Konflikt. So ohnmächtig wie ein Kind. In der Ohnmacht des Kindes sind wir immer im Anspruch an den Anderen, gesehen werden zu wollen, denn das Kind kann in der Situation nicht anders.

 

Es ist also eine erwachsene Leistung, den Anderen aktiv zu sehen, bei ihm und seiner Wirklichkeit zu bleiben, während man selber verletzt ist.

 

Doch diese erwachsene Haltung heilt. Sie bringt uns in Beziehung uns zu unseren wirklichen Gefühlen und im besten Fall auch dazu, uns mit unseren Gefühlen zeigen zu können.

 

Wenn wir zu unseren Gefühlen stehen können, sie nicht abwerten, und uns mit ihnen zeigen können wie wir sind, dann sind wir in dem Moment mit uns selbst in Beziehung. Dann können wir uns zeigen, wie wir sind und damit kommen wir in Beziehung mit dem Anderen. 

 

Ohne Abwertung, Vorwurf und Anspruch an den anderen - und ohne Abwertung, Vorwurf und Anspruch an uns selbst.

 

Was ist, wenn das nicht ganz klappt?

 

Es kann sehr gut sein, daß der Versuch, einen Konflikt auf diese Weise zu erleben anfangs nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führt.

 

Wir bleiben doch damit über, uns nicht gesehen zu fühlen und uns nicht zeigen zu können. Das kann sehr frustrierend sein. 

 

Es ist wichtig, dazu zu stehen, wenn man sich noch nicht ganz gesehen fühlt - und gut, wenn man das dem anderen gegenüber aussprechen kann. Ohne den Anspruch, daß er das lösen können muß.

 

Es ist gut, sich in dem Gefühl auch damit zu verbinden, daß man den Anderen auch noch nicht voll gesehen hat - denn das Gefühl nicht gesehen zu sein ist meist synchron damit, daß ich den anderen auch noch nicht ganz gesehen habe. Jedes System ist immer im Ausgleich, und so bleibt die Aufgabe, beim nächsten Mal wieder beim Anderen zu sein, um zu sehen, was ich noch nicht gesehen habe.

 

Wenn ich es sehe, werde ich auch gesehen.

 

Das größte Geschenk...

 

Ich glaube daran, dass das größte Geschenk,
das ich von jemandem empfangen kann,
ist gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden.
 
Das größte Geschenk, das ich geben kann,
ist den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren.
Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt.
 
Virginia Satir

Übung

 

Dieser Eintrag beschreibt einen ganzen Lösungsweg, den man für sich Schritt für Schritt erkunden muß, um ihm zu trauen. Es ist wichtig, darin mit sich selbst behutsam umzugehen. Nicht gleich 100% und gleich bei einem Konflikt, den man als existenziell bedrohlich erlebt.

 

Achtsamkeit ist immer ein Weg, der Stück für Stück Vertrauen aufbaut. Daher ist die Übung am Anfang lediglich, sich zu bemühen, im Konfliktfall nicht gleich dem ersten Impuls nachzugeben, und was zu sagen, sondern innezuhalten. Nicht gleich dem Impuls zu folgen, sondern so gut es geht beim Anderen zu bleiben, und offen dafür zu sein, was dann passiert. Ohne weiteres Konzept.

 

Wenn man damit Erfahrung gemacht hat, kann man Schritt für Schritt durch den beschriebenen Lösungsweg gehen, immer in der Geschwindigkeit, in der man sich gut selber schützen kann im Konflikt, und so den Lösungsweg für sich selbst entdecken.

 

Denn nur in der eigenen Entdeckung und Wahrnehmung ist Lösung möglich. Wie immer rate ich dazu die Erfahrungen in einem Tagebuch zu notieren, um sich selbst bewußt zu reflektieren und zu lernen.

 

 

 

 

 

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