Wir sind immer in Beziehung

21.12.2017

Zugehörigkeit ist eines der aller wesentlichsten Dinge, die wir zum Überleben brauchen. Ohne Zugehörigkeit leben wir in großer Isolation. 

Für unsere Psyche und unseren Körper ist Isolation wie Gift. Ohne Beziehung werden wir krank und wir sterben früher.

 

Was tun wir, wenn keine Beziehung möglich ist?

 

Wenn keine Beziehung zu Menschen möglich ist, suchen wir woanders nach Beziehung.

 

Es gibt dafür viele berührende Beispiele.  

 

Der Ire Martin Mc Kenna ist im Alter von 13 Jahren von zu Hause weg gelaufen, um vor seinem alkoholsüchtigen Vater sicher zu sein.

Jahrelang hat er auf der Straße gelebt. Zusammen mit streunenden Hunden. Niemand hat sich um ihn gekümmert. Aber er hat sich um die Hunde gekümmert und zu ihnen Beziehung aufgenommen. Sie sind seine Familie geworden. Und in dieser Beziehung hat er Dinge über Hunde gelernt, die sonst kein Mensch über ihr Verhalten wahrnimmt. 

 

Martin Mc Kenna lebt heute in Australien, wo er als Hundetrainer arbeitet. Er hat Bestseller zu dem Thema geschrieben und eine Radiosendung dazu gehabt. Aus ganz Australien haben sich Leute an ihn gewandt, wenn sie ein Problem mit ihrem Hund hatte, das sie alleine nicht lösen konnten. Martin Mc Kenna ist auf seine Art tatsächlich ein Dr. Dolittle der Hunde geworden. Er spricht ihre Sprache. Er weiß auf jedes Hundeverhalten die richtige Antwort und wie sie sich in Körpersprache ausdrückt.

 

In der Isolation hat er mit Hunden Beziehung gesucht und hat dadurch eine einmalige Fähigkeit bekommen.

 

Joshua Jones ist in Detroit aufgewachsen - in einem Viertel, das so gewalttätig war, daß seine Eltern ihm verboten haben in seiner Freizeit vor die Tür zu gehen und mit anderen Kindern zu spielen. Die Familie war so arm, daß es auch zu Hause kein Unterhaltungsangebot, Fernseher, Bücher etc. gab. So hat Joshua Jones angefangen, mit allem was er in der Wohnung gefunden hat Geräusche zu machen. Mit Kleiderbügeln zu trommeln und mit anderen Alltagsgegenständen.

 

Aus der Langeweile sich in der Isolation die Zeit zu vertreiben wurde eine echte Beziehung zu allem, womit man trommeln kann. Diese Beziehung hat ihn am Leben gehalten - und sie hat dafür gesorgt, daß Joshua Jones ein einzigartiges Talent als Percussionist entwickelt hat. Wenn man den unterstrichenen Namen Joshua Jones anklickt, kommt man direkt zu einem Kurzfilm über sein Leben.

 

Milton Erickson, der Begründer der Hypnotherapie wurde im Alter von 18 Jahren durch Kinderlähmung komplett gelähmt, und konnte monatelang an der Welt nur noch beobachtend teilnehmen - nichts mehr bewegen und nicht mehr sprechen. Er war durch die Krankheit zu einem Prozeß der monatelangen Meditation in seinem nicht mehr funktionierenden Körper gezwungen und hat in der Zeit eine erstaunliche Beobachtungsgabe entwickelt, durch die er sich schließlich auf einzigartige Weise selbst heilen konnte. Diese Zeit war wesentlich für seine spätere Entwicklung der Hypnotherapie.

 

Die Beispiele lassen sich fortführen. Es gibt etwas, das sie verbindet, was mir wichtig ist.

 

Wir sind immer in Beziehung

 

Dort wo menschliche Beziehung nicht möglich ist, suchen wir uns Beziehung in der Natur, mit Tätigkeiten, mit Gegenständen, mit Tieren, mit Themen - und sei es, daß wir mit Kleiderbügeln auf Plastikeimer schlagen. So bleiben wir immer in Beziehung - denn wir brauchen Beziehung um zu überleben. 

 

Ich möchte an dieser Stelle auf den Vortrag von Robert Waldinger von der Harvard Universität verweisen. Der Vortrag handelt darüber, was uns in unserem Leben glücklich macht, und über die längste psychologische Studie weltweit, die genau das erforscht hat.

 

Ein besonderes Talent

 

Alle erwähnten Beispiele zeigen eines. Wenn wir in Einsamkeit und Isolation etwas finden, zu dem wir eine besondere Beziehung aufnehmen, kann daraus ein besonderes Talent erwachsen, das zu unserer Biografie gehört.

 

Und oft ist es genau dieses Talent, daß das Potenzial hat, uns wieder mit der Welt in Verbindung zu bringen.

 

Daß wir uns in der Zeit der Einsamkeit so auf eine Sache konzentrieren können, schult unsere Wahrnehmung besonders . Wir werden in der Sache richtig gut.

 

Wir alle haben Finger, aber nur Blinde haben einen derart entwickelten Tastsinn, daß sie über ihn die ganze Welt erkunden können. 

 

So gibt es vielleicht einen Weg unsere größte Schwäche in unsere größte Stärke zu verwandeln und damit wieder in die Welt zurückzukommen. Die Beziehung, die wir in der Isolation gelebt haben, kann so wieder Beziehung im Außen schaffen.

 

Gehalten werden durch Beziehung

 

Wir suchen in unserem Leben nach Sinn. Wir erleben Sinn, wenn wir in Beziehung sind - wenn wir uns verbunden fühlen. Durch Beziehung fühlen wir uns gehalten.

 

Gerade auch wenn wir einsam sind, ist es wichtig uns daran zu erinnern, daß es auch Dinge und Tätigkeiten gibt, die uns in unserem Leben Halt und Beziehung geben. Für Viele ist es die Beziehung zur Natur. 

 

Wenn wir uns dessen bewußt werden, können wir diese Beziehung ganz bewußt für unser Wohlbefinden nutzen.

 

Und vielleicht entdecken wir in dieser Beziehung sogar ein besonderes Talent oder eine Berufung. 

 

 

 

 

 

 

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