Zugehörigkeit

13.12.2017

Zugehörigkeit ist für mich persönlich das zentrale menschliche Thema schlechthin. Wenn wir uns zugehörig fühlen, fühlen wir uns sicher - wir entspannen uns, wir können sein wie wir sind, und werden bedingungslos angenommen. Doch wer wird schon bedingungslos angenommen wie er ist? 

 

Und wer kann sich auch selber bedingungslos annehmen wie er ist?

 

Die Frage der Zugehörigkeit prägt unser aller Persönlichkeit - unseren individuellen Charakter. Die Frage der Zugehörigkeit ist die, die darüber entscheidet, welche Anteile wir in uns unterdrücken, wofür wir uns schämen, und wo wir uns nicht vertrauen - und auch welche Stärken wir ausbilden.

 

Für mich ist es das Thema der Zugehörigkeit der Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Psyche.

 

Daher an dieser Stelle eine recht umfassender Eintrag.

 

Warum ist Zugehörigkeit so wichtig ?

 

Es gibt ein interessantes Experiment mit erwachsenen Menschen, das in Paul Watzlawicks Buch Anleitung zum Unglücklichsein vorkommt. Zehn gleich lange Linien sind auf einem Papier aufgezeichnet. Mehrere Menschen werden aufgefordert zu sagen, ob diese Linien gleich lang sind, oder nicht. Doch nur einer ist in Wirklichkeit die Versuchsperson. Alle anderen behaupten abgesprochener Weise, die Linien sind nicht gleich lang. 

 

Es gelingt der Versuchsperson nur eine kurze Zeit lang bei ihrer eigenen Wahrnehmung zu bleiben. Nach wenigen Versuchen schon schaut sie auf die Linien und beginnt den anderen Recht zu geben. Die Linien sind nicht gleich lang.

 

Was passiert da?

 

Ein erwachsener Mensch gibt seine eigene Wahrnehmung auf, weil die Gruppe es geschlossen anders sieht. Die Versuchsperson stellt damit die Zugehörigkeit zur Gruppe über die eigene Wahrnehmung.

 

Woher kommt dieser Mechanismus? 

 

Als Säugetiere, die noch lange nach der Geburt nicht alleine lebensfähig sind, und die in eine hoch komplexe Kultur mit vielen Regeln rein wachsen, in der sich sich erst orientieren müssen, sind wir hundertprozentig auf unsere Bezugspersonen angewiesen, die für uns sorgen und uns Sicherheit geben. Wir brauchen sie zu unserem Überleben. Meist ist das die eigene Familie.

 

Unsere Familie

 

Wenn wir in unsere Familie geboren werden, sind wir ein unbeschriebenes Blatt - aber wir lernen schnell, daß in unserer Familie bestimmte Werte gelten - daß unsere Eltern bestimmte Dinge lieben, und andere vehement ablehnen. Und wir lernen, daß wenn wir uns auf die Seite dessen stellen, was sie ablehnen, unser Verhalten auch abgelehnt wird.  Wir gefährden damit unsere Zugehörigkeit. 

 

Als Kinder hängt unser Leben in hohem Maße von genau dieser Zugehörigkeit ab. Wir haben keine Wahl. Wir können nicht für uns selber sorgen. Zugehörigkeit ist unser Überlebensinstinkt. Wie der Erwachsene im Experiment mit den Linien opfern wir unsere eigene Wahrnehmung zugunsten der unserer Eltern. Wir wollen von unseren Eltern gesehen und angenommen werden - also versuchen wir dem zu entsprechen was ihnen angenehm ist. Doch das hat einen hohen Preis.

 

Wir lernen, die Dinge, die unsere Eltern ablehnen, in uns abzulehnen, und verlieren damit den Zugang zu Gefühlen in uns. Doch diese Gefühle gehören zu uns. sie verschwinden nicht einfach - sie werden unterdrückt - wir verlieren die Beziehung zu ihnen. Sprich - wir zahlen für die Zugehörigkeit zu unseren Eltern in einer harten Währung - der Zugehörigkeit zu uns selbst.

 

In den Worten in denen uns unsere Eltern kritisieren lernen wir mit uns selbst zu sprechen. Der innere Kritiker wächst heran, und "beschützt" uns, in dem er die äußere Kritik unserer Eltern vorweg nimmt. So müssen wir nicht um unsere Zugehörigkeit in der Familie bangen.

 

Dabei muß es nicht mal direkte Kritik sein. Ein Blick genügt, wenn er genug Urteil enthält - der Rückzug eines Elternteils, wenn wir etwas gemacht haben was ihm nicht recht ist - oder das Urteil unserer Eltern über Andere, denen wir dann nicht ähnlich sein wollen. Was erlaubt ist und was nicht vermittelt sich auf vielen Ebenen. So entstehen unsere Glaubenssätze - und die Glaubenssätze prägen unsere Persönlichkeit und unsere Muster. Sie prägen die Art wie wir die Welt deuten.

 

Das Gewissen

 

Das Gewissen regelt diese Gefühle. Es gibt Dinge, die wir mit gutem Gewissen machen, und es gibt Dinge, die wir mit schlechtem Gewissen machen. Das bedeutet nichts anderes, als daß wir bestimmten Gefühlen und Neigungen, die wir offensichtlich in uns tragen nur folgen können, indem wir es heimlich tun.  Ein Teil von uns wird uns dafür immer selbst verurteilen. Das sind meist unbewußte Vorgänge, die wir bewußt nur in Form von Unbehagen, Angst oder verwandten Gefühlen spüren.

 

Die Scham

 

Wir schämen uns. Wir schämen uns, daß es diesen Teil in uns gibt. Und wir verlieren das Vertrauen, daß dieser Teil in uns wertvoll ist - denn er gefährdet unsere Sicherheit. 

 

Nur wenn wir als Kind bedingungslos mit allem angenommen werden wer wir sind, kennen wir diese Gefühle nicht. Wir alle wissen, wie selten das vorkommt.

 

Im Kind entsteht eine gefährliche Dissonanz. Es merkt, daß es Teile in sich hat, die offensichtlich nicht liebenswert sind.  Es wird sich selbst in dem Maß als nicht liebenswert erleben, in dem es das von den Eltern oder wichtigen Bezugspersonen vermittelt bekommt.

 

Teile der eigenen Persönlichkeit werden abgespalten. Wir lernen diese Teile in uns, und damit auch  bei anderen Menschen zu verurteilen.

 

Diese Entwicklungen sind die Geburt unserer Persönlichkeit. Sie entscheiden darüber ob ich schüchtern oder forsch, genau oder schlampig, altklug oder still bin. Und diese Entwicklungen sind ganz tief in uns angelegt.  Sie sind die Brille, durch die wir alle unsere späteren Beziehungserfahrungen erleben.

 

Dort wo wir lernen, daß wir uns so wie wir sind nicht zeigen können, stellen wir unseren Selbstwert in Frage. 

 

Vertrauen und Selbstvertrauen

 

Dort, wo wir unser Selbstvertrauen verlieren können wir auch nicht Vertrauen. Die Beiden hängen eng zusammen. Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille. Ich gehe nicht auf Dinge zu, die ich mir selbst nicht zutraue, oder die für mich mit Scham behaftet sind. Ich beginne eine Welt um mich zu schaffen, die meiner Persönlichkeit, und meinem Selbstbild entspricht. so spiegelt sich meine Innenwelt in meinen Beziehungen.

 

Alle anderen Bereiche meide ich, denn sie bringen mich in Konflikt mit mir selbst, und mit der Welt.

 

Leistung und Perfektion

 

Wenn wir lernen, daß wir so wie wir sind nicht zur Gänze liebenswert sind, versuchen wir das auszugleichen. Oft mit Leistung. Es entsteht ein Gedanke im Kind: Wenn ich mich nicht so zeigen kann, wie ich bin - weil ich dann nicht sicher bin, dann bemühe ich mich, Dinge die ich mache Sache besonders gut zu machen, um dafür Anerkennung zu bekommen. Ich stelle nicht mehr mich selber ins Licht, sondern das was ich tue.

 

Erziehung, die das Kind nicht in seiner Gesamtheit annimmt erzieht durch Lob oder Tadel. Beides beschneidet die Persönlichkeit.

 

Je besser ich Dinge mache wie sie von mir erwartet werden, desto eher kann ich gefallen, und kriege meinen Selbstwert, nach dem ich mich so sehne. Doch die Sehnsucht, die damit verbunden ist alles zu tun, um einem anderen Menschen zu gefallen, hat einen Haken. 

 

Ich bin in meinem Selbstwert immer abhängig von äußerer Bestätigung. Und diese äußere Bestätigung beziehe ich nie auf mich, sondern nur auf das was ich geleistet habe.

 

Es entsteht ein Hang zur Perfektion. Perfektion ist das Gefühl "wenn ich es nur noch ein bißchen besser mache - dann werde ich bestimmt gesehen und geliebt, und kann mich entspannen". Doch die Erfüllung der Sehnsucht ist auf diesem Weg nicht zu finden, und so hält die Anspannung ewig an.

 

Burn Out

 

Wo ich angenommen wurde, und mich in Folge selbst annehmen kann entscheidet darüber, wo ich mich ohne Scham zeigen kann wie ich bin. Dort, wo ich mich nicht zeigen kann, versuche ich mit Leistung zu überzeugen.

 

Im Alltag sagen wir, daß wir "Anerkennung" wollen - doch in der Tiefe ist es Zugehörigkeit. Dort, wo wir gelernt haben uns selbst zu verraten, um es jemand anderem Recht zu machen, passieren zwei Dinge:

 

Wir verschwinden aus der Beziehung, weil wir uns nicht zeigen können wie wir sind. Dadurch kriegt das Gegenüber kein Gefühl für unsere Grenzen. Und dadurch können wir in einer Arbeitssituation in einen Zustand geraten, in dem wir über lange Zeit konstant über unsere Grenzen gehen. Wir ignorieren ein inneres nein nach dem anderen und gehen damit ständig über unsere Bedürfnisse hinweg. Auch weil wir uns oft immer noch abhängig fühlen. So wie als Kind, und daher nicht den Mut finden zu uns zu stehen. Damit ist auch als erwachsener die Angst verbunden nicht alleine überleben zu können.

 

So bleiben wir konstant in einer körperlichen Anspannung, schütten konstant Streßhormone aus, die sich nie abbauen können, und irgendwann zieht unser psychisches System oder unser Körper den Notstecker. Wir sind im burn out.

 

Sucht

 

Sucht entsteht dort, wo wir die Gefühle des Getrennt Seins und das Leben mit dem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit nicht aushalten. Die Betäubung durch Drogen oder die Ablenkung durch andere Süchte wie Spiele, Pornos, Internet, Fernsehen, etc. schützt uns davor, unsere Gefühle zu spüren - weil wir keinen Weg sehen, sie zuzulassen und zu halten.

 

Erziehung unserer Kinder

 

Der Kreislauf setzt sich in der Erziehung unserer Kinder fort. Wenn wir selbst nicht gelernt haben, daß wir bedingungslos liebenswert sind, versuchen wir unseren Kindern zu vermitteln, wie wichtig Leistung ist. Denn in unserem Lebensgefühl ist damit ein Gefühl von Sicherheit verbunden, das aber in Wirklichkeit nie ein Ziel findet. Es ist eine Illusion, daß wir Zugehörigkeit durch Leistung finden können.

 

Da wir in unserer Persönlichkeitsentwicklung Teile von uns abspalten und werten mußten, geben wir an unsere Kinder wieder weiter, für welche Gefühle und Anteile sie sich schämen müssen - und das machen wir - wie schon unsere Eltern - "mit gutem Gewissen". Aus dem Gefühl, daß unsere Kinder dann geschützt sind in der Welt. 

 

Die Wirklichkeit 

 

Doch dieses Gefühl ist nicht in Kontakt mit der Wirklichkeit. Es ist in Kontakt mit den inneren Bildern, die wir in unserer Persönlichkeitsentwicklung gelernt haben. Wir merken das nicht. Das passiert unbewußt. Wann immer uns als Erwachsenen jemand begegnet, der die gleiche Energie hat wie einer unserer Elternteile, schiebt sich dieses Bild über den Menschen der uns gegenüber ist. Und wir verfallen dann sehr schnell in ein Muster, das wir in der Beziehung zu unseren Eltern gelernt haben. Wo immer wir verletzt werden, werden die kindlichen Muster aktiviert.

 

Unser Gegenüber verschwindet sozusagen. Wir haben emotional wieder unser Elternteil uns gegenüber, und fühlen uns wieder klein. Gemeinhin bezeichnen wir diesen Vorgang als Projektion. Diese Person kann dann bei uns sehr schnell wieder Scham-  Schuld und Minderwertigkeitsgefühle auslösen - oft schon durch ihre einfache Präsenz. 

 

Achtsamkeit

 

Warum schreibe ich das alles, wenn es doch hier um das Thema Achtsamkeit geht?

 

Ich definiere Achtsamkeit heute für mich als einen Weg zur Lösung - egal was das Problem ist. Denn Achtsamkeit kann einen Raum in der Gegenwart schaffen in dem die inneren Bilder kleiner werden oder verschwinden. Ohne Urteil zu sein gegenüber dem was im Aussen ist, und ohne Urteil gegenüber dem was in uns ist !  Das schafft ein Klima, in dem wir Stück für Stück wieder annehmen können, wer wir sind, ohne über uns selbst zu urteilen. Damit kommen wir - Stück für Stück - auch wieder in Kontakt mit den Teilen in uns, die wir auch sind - die wir aber gelernt haben, nicht haben zu wollen.

 

"Trance of unworthiness" -  nennt Tara Brach diesen Zustand, in dem wir unser Selbstwertgefühl verloren haben in ihrem Buch "Radical Acceptance". Das ist ein sehr zutreffender Begriff. Trance bedeutet in diesem Zusammenhang ein Zustand, in dem unsere Wahrnehmung sehr eingeschränkt ist, und in dem wir meist von bestimmten Gefühlen komplett vereinnahmt werden. 

 

Der Kontakt mit der Wirklichkeit wie sie ist kann diese Trance unterbrechen, und uns wieder in Kontakt mit der äußeren, und mit unserer eigenen Wirklichkeit bringen.

 

Wir können Stück für Stück erkennen, daß das Gegenüber vielleicht gar nicht das Gleiche wollte wie meine Eltern - daß das nur meine Angst war, meine Erwartung, die dieses Bild erzeugt hat. So werden die inneren Bilder langsam durch die Wahrnehmung im Augenblick ersetzt.

 

Wir können Stück für Stück erkennen, daß es gut ist, zu allem zu stehen wer wir sind - daß alles dazu gehört, und gut ist - und so können wir Stück für Stück wieder einsammeln, was uns in unserer Persönlichkeitsentwicklung verloren gegangen ist.  Stück für Stück lernen wir den Wert kennen, mit Gefühlen in uns in Kontakt zu gehen über die wir ein Urteil hatten. Sie zu halten, zu spüren - mit Neugier - ohne Urteil - hallo zu sagen, und schließlich zu einem Ja zu finden.

 

So kommen wir mit uns selbst und der Welt in Kontakt. Wir treten mit der Welt in dem Maß in Kontakt, in dem wir mit uns selbst in Kontakt sind.

 

Beziehung

 

Ein schöneres Wort ist Beziehung. Wir kommen mit uns selbst und der Welt in Beziehung, wenn wir uns ohne Scham so zeigen können, wie wir sind. Uns so zumuten können wie wir sind. 

 

Alles, was in Beziehung tritt, darf heilen. Überall dort kommt Lösung, in dem Sinne, daß ich nicht zwanghaft einem Muster folgen muß, sondern eine eine freie Wahl komme, wie ich agiere.

 

So können wir uns mit Hilfe der Achtsamkeit im besten Fall selbst das geben, was jeder von uns sein ganzes Leben lang sucht - bedingungslose Annahme von allem was wir sind - und damit Zugehörigkeit. 

 

Wo wir lernen, uns selber zugehörig zu sein, sind wir auch im Außen wieder zugehörig. Jedes Urteil das wir über uns selbst verlieren, verlieren wir auch gegenüber den Menschen denen wir begegnen.

 

Wenn es uns gelingt, unsere Kinder in dem Gefühl der Annahme in ihrer Entwicklung zu begleiten, sind sie frei ihr Leben zu leben. Sie lernen, daß das Leben und sie selber nicht perfekt sind - aber daß das okay ist. Denn sie sind trotzdem so wie sie sind liebenswert, und dürfen sich zugehörig fühlen.

 

Ich unterscheide auf dieser homepage sehr klar Herz, Verstand, Körper und Bewußtsein. Weder das Herz, noch der Verstand, noch der Körper kennen Scham oder schlechtes Gewissen. Sie sind alle unbeschadet.

 

Nur unser Bewußtsein hat diese Haltungen verinnerlicht. Wo es uns gelingt unsere Haltungen durch Integration von Gefühlen zu ändern, merken wir, daß wir heile sind und immer heile waren. Daß es nichts gibt in uns, was repariert werden muß, oder was für immer verloren ist.

 

Das ist der Effekt der Bewußtseinsschulung durch Achtsamkeit. 

 

Den Weg der Integration gehen wir am Besten mit großer Zuneigung für uns selbst. Mit dem Blick darauf, daß es in unserer Kultur ganz normal ist in Teilen von uns selbst getrennt zu sein. Darin sind wir alle gleich. Oder wie die amerikanische Autorin Anne Lamott es sagt:

 

"Wenn wir Zuneigung für unsere ungelenken, selbstzentrierten, verschrobenen, nervigen Seiten finden, haben wir ein zu Hause. Das ist der Ort, an dem Weltfriede beginnt." 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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