Jeder tut immer sein Bestes

06.12.2017

Wenn langjährige Ehepartner in die Paartherapie kommen, ist die Antwort auf die Frage, was das Problem ist oft schnell gefunden. Jeder der Partner zeigt mit dem Finger auf den Anderen.

 

In einer meiner therapeutischen Ausbildungen hab ich den Satz "Jeder tut immer sein Bestes" das erste Mal gehört. Seitdem ist er mir hängen geblieben. Obwohl es mittlerweile Jahre her ist, taucht er immer wieder auf. Überall dort, wo es mir möglich war wirklich hinzuschauen in Beziehungen, hat sich dieser Satz für mich bestätigt.

 

Jeder tut immer sein Bestes ist unabhängig davon, ob das was jemand getan hat gut ist. Er bezieht sich darauf, was uns zu jedem gegebenen Zeitpunkt in unserem Leben möglich ist. Aus welchen Gründen auch immer.  Das müssen wir achten. Wenn wir das nicht tun, kommen wir in Konflikt.

 

Konflikt

 

Dort, wo wir glauben, dass der Andere so sein könnte wie wir ihn haben wollen, beharren wir darauf dass wir richtig sind und der Andere falsch. Diese Sicht wird dann vom Gegenüber gern gespiegelt. Und diese Sicht bringt einen auch ganz schnell sehr tief in Konflikt. Es beginnt eine Reihe von Vorwürfen und Ansprüchen, der Konflikt wandert vom Inhaltlichen ins Persönliche - und die Sache, um die es eigentlich geht gerät aus dem Blick.

 

Die Fantasie, der andere könnte anders sein als er ist, geht mit einer anderen Fantasie einher. Nämlich der, dass man selber anders sein könnte oder sollte, als man ist.  Das ist es schließlich auch, was einem der Partner im Konflikt vermittelt.

 

Das wie man es gerne hätte erlebt man selber gerne als Normalität und so versucht man den Partner auch oft damit in eine Form zu zwingen, indem man ihm vorhält, dass gewisse Dinge in Beziehungen normal sind.

 

Irgendwie ist diese Art von Konflikt immer ein Machtkampf, der nicht zur Lösung finden kann.

 

Ein Kampf gegen Windmühlen

 

Den Partner so zu formen wie man ihn gerne haben möchte und ansonsten im Vorwurf zu bleiben ist ein Zustand, in dem viele Partnerschaften verharren. So gerne man den Partner anders hätte, so ungern gibt man selber auf, wer man ist. So geht es dem Partner auch. Daher ist der Anspruch und die Fantasie der Partner könnte anders sein als er ist ein Kampf gegen Windmühlen.

 

Was passiert, wenn wir uns selber und den Partner achten wie er ist?

 

Wo wir unseren Partner achten wie er ist und unsere Bedürfnisse in gleichem Maß, bringt uns das in der Partnerschaft auf einen anderen Weg.

 

Jeder ist dann frei seine Bedürfnisse zu äußern, macht den Partner aber nicht mehr dafür verantwortlich sie zu erfüllen. Wenn der Partner meine Bedürfnisse nicht teilt, mir diese Bedürfnisse aber wichtig sind, bin ich dafür verantwortlich sie mir selber zu erfüllen. Das Gleiche gilt für meinen Partner. 

 

Wenn wir eigenständig unsere Bedürfnisse erfüllen, entsteht für unseren Partner ein Freiraum, in dem er sich entscheiden kann, ob er gern dabei ist oder nicht. Der Vorwurf hört auf, und damit das Gefühl des Partners, er müsste anders sein, der immer wie eine Zwangsjacke wirkt, und trennt. Wenn es von uns keine Forderung und keinen Zwang gibt, ist die Wahrscheinlichkeit dass Gemeinsamkeit entsteht entschieden höher.

 

Dieses Bild von Partnerschaft, in der in gewisser Weise jeder frei ist, kann Angst machen. Denn man stellt sich in diesem Bild von Partnerschaft der Wirklichkeit. Doch wenn man in diesem Bild von Partnerschaft Gemeinsamkeit erlebt, entsteht wirklich Beziehung, weil sich jeder zeigen kann wie er ist, und in dem angenommen wird. Und das ist letztendlich die Sehnsucht, die wir alle mit Partnerschaft verbinden.

 

Aber natürlich beinhaltet dieser Weg auch, dass wir vielleicht entdecken, dass keine Gemeinsamkeit entsteht.  

 

Um im Konflikt anders aufeinander zugehen zu können ist es wichtig, dass die Begegnung vom Vorwurf weg kommt. Stattdessen ist es gut, wenn sich jeder seiner eigenen Bedürfnisse bewusst wird, und den Mut hat sie einzubringen. Dazu im Anhang eine kleine Übung

Übung: 

 

An welchen Konflikt aus der letzten Zeit kann ich mich erinnern?

 

Ab wann sind Vorwürfe und Ansprüche mit ins Spiel gekommen? 

 

Wie ist der Konflikt ab da verlaufen? Wie ging es mir selbst damit? Wie ging es dem Anderen?

 

Wie hätte sich der Konflikt entwickelt, wenn ich die Haltung "Jeder tut immer sein Bestes" verinnerlicht hätte.

 

Wie wäre es mir gegangen? Wie wäre es meinem Gegenüber gegangen?

 

Welches Bedürfnis in mir ist unbefriedigt. Habe ich dieses Bedürfnis meinem Partner mitgeteilt, oder war ich gleich im Vorwurf? 

 

Welches unausgesprochene Bedürfnis hat mein Partner vielleicht gehabt?

 

Welche Lösung hätten wir so vielleicht für unseren gemeinsamen Konflikt finden können?

 

Wo wir uns unserer Bedürfnisse klar werden und den Mut finden uns mit ihnen zu zeigen, müssen wir nicht in

den Vorwurf gehen.

 

Wenn unser Partner unser Bedürfnis vielleicht nicht teilt, ist es leichter in den Vorwurf zu gehen, als zu zeigen, dass wir darüber traurig sind.

 Ohne unseren Partner zu zwingen anders zu sein. Wenn es uns in der Situation ebenfalls gelingt uns zu zeigen ohne Anspruch und Vorwurf

unserem Partner gegenüber, dann liegt auch in dieser Bewegung wieder Lösungsenergie, die mich mit meinem Partner verbindet - die es auch

meinem Partner wieder leicht macht auf mich zuzugehen.

 

 

 

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