Was nicht ausgedrückt wird, wird unterdrückt

28.11.2017

Folgender Text ist eine Übersetzung, die ich aus dem Buch The Book of Awakening von Mark Nepo gemacht habe. Das Buch war für mich eine der wesentlichen Inspirationen zu dieser homepage. 

 

Was nicht ausgedrückt wird, wird unterdrückt

 

Im Englischen ist diese Formulierung noch klarer: 

 

What is not expressed is depressed.

 

Es scheint, je mehr wir uns ausdrücken, desto lebendiger sind wir. Je mehr wir uns Ausdruck geben - egal ob Schmerz oder Freude, desto näher ist unsere Seele unserem wirklichen Leben. 

 

Je mehr wir unterdrücken, je mehr wir runterschlucken, und in uns behalten, desto kleiner werden wir. Wenn wir unserem Herz keine Stimme geben, spüren wir unser Leben nicht mehr.

 

Unser nicht ausgedrücktes Leben kann zu einer Hornhaut werden, die nie mehr verschwindet.

So kommen wir vielleicht zum Schluss, das Leben verliert seinen Sinn, weil es uns scheinbar keine Luft zum Atmen lässt. 

 

Ein Mensch der nicht weiß, dass der graue Star seinen Blick trübt, glaubt, die Welt selber wird trüber, nicht seine Sehkraft. Wie oft glauben wir, dass die Welt nicht lebendig ist, nur weil wir unsere eigene Lebendigkeit nicht zum Ausdruck bringen?

 

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass ich mich ewig in Gruppen oder bei Familienzusammenkünften unsichtbar gefühlt habe - und zwar aus eigener Schuld. Ursprünglich wollte ich es meiner egozentrischen Mutter um jeden Preis Recht machen - immer in der Angst zurückgewiesen zu werden. Nach Jahren unausgedrückten Schmerzes hat sich einen Panzer um mein Herz gebildet. Ich bin und war immer ein sehr offener Mensch, aber ich habe mich nie ganz gezeigt.

 

Was bei meiner Mutter begonnen hat, hat sich darauf ausgewirkt, wie offen ich in allen meinen Beziehungen zu Menschen sein konnte.

 

Irgendwann erkannte ich, dass ich etwas ändern muss. Nicht die Welt verlor an Farben, sondern ich konnte die Farben nicht mehr zulassen. Wenn ich das heute in einem Satz sagen kann, heißt das nicht, dass es nicht unendlich schwierig und schmerzvoll es war, diesen Gedanken zuzulassen. Stück für Stück ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, die Gefühle und die Stimme, die in mir mein ganzes Leben unsichtbar geblieben sind, sichtbar zu machen. 

 

Wie auch immer es uns geht - es scheint, dass unsere Authentizität davon abhängt, was wir ausdrücken können, und was nicht. 

 

So wie Blumen tiefe Wurzeln brauchen um zu blühen, können auch unsere Gefühle ihre Schönheit nur ausdrücken, wenn sie aus unserer Tiefe kommen. Es ist der Zentimeter, der entscheidet, ob etwas sichtbar wird, oder nur als Samen in der Erde schlummert und nie das Licht der Welt erblickt. Es ist dieser Zentimeter, der darüber entscheidet, ob wir unser Leben leben oder nicht.

Meditation

 

Erinnere dich an das letzte Mal, als du depressiv warst. 

 

Setze dich still hin und achte darauf, ob es etwas gibt, das dein Herz oder deine Gedanken bedrückt.

 

Es mag eine Enttäuschung sein oder eine Verletzung, die du nicht akzeptieren kannst.

 

Was immer auftaucht, schau darauf wie auf einen Schiefer, den du dir eingezogen hast.

Mit der Langsamkeit deines Atems, kannst du ihn herausziehen. 

 

Wenn du atmest, kannst du spüren, dass du größer bist als der Schmerz, den du dabei in dir spürst.

 

 

 

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