Wir möchten nur gesehen werden


Oft verzweifeln wir im Konflikt daran, daß uns der andere nicht versteht, und sind gleichzeitig blind dafür, daß es unserem Gegenüber auch so geht. Jeder erlebt den anderen im Konflikt als dominant und sich selber als Opfer. Beide Seiten wollen gesehen werden und können den anderen nicht sehen.

Denn jeder ist aufgrund seiner Verletztheit blind für den anderen.

Jeder Konflikt hängt in der Tiefe damit zusammen, daß wir uns nicht gesehen fühlen, und gleichzeitig Angst haben davor, uns mit unserer Verletzlichkeit zu zeigen.

Jeder Konflikt endet erst dort, wo wir uns gesehen fühlen, und auch den anderen sehen. Beides gehört zusammen. Wenn jeder am Ende eines Konflikts sagen kann, daß er sich gesehen fühlt, dann ist der Konflikt beendet.

Lösung in der Achtsamkeit

Die Achtsamkeit hat einen auf den ersten Blick verblüffenden Lösungsweg:

Wenn ich gehört werden möchte, höre ich zu.

Wenn ich gesehen werden möchte, versuche ich den anderen zu sehen.

Ich mache also im Konflikt etwas, was gegen die Intuition spricht. Ich wende mich voll und ganz mit meiner Aufmerksamkeit dem Anderen zu und bleibe ganz bei ihm.

Der, dem es gelingt, in einem Konflikt die Wirklichkeit des Anderen in sich entstehen zu lassen - ohne Urteil und Vorwurf, der kann die Welt aus den Augen des anderen wahrnehmen. Genau an dem Punkt entsteht Beziehung. Wenn die Wirklichkeit des anderen in mir leben darf.

Wo das gelingt, wird schon mal einer der Beiden im Konflikt gesehen. Und wenn sich der andere gesehen fühlt, ist er oft bereit ohne inneren Widerstand meiner Wirklichkeit zuzuhören.

Warum wir in den Kampf gehen

Das Schwierige ist oft, daß wir zu Beginn eines Konflikts in ganz unterschiedlichen Wirklichkeiten leben, die nicht vereinbar scheinen. Wir haben das Gefühl, daß sich entweder unsere Sicht, oder die Sicht des anderen durchsetzen muß. Daß diese beiden Wirklichkeiten nicht nebeneinander stehen können. Und damit gehen wir in den Kampf. Urteil und Vorwurf führen dazu, daß das worum es geht immer weiter in den Hintergrund rückt, und daß die persönliche Auseinandersetzung immer unerbittlicher wird.

Erst wenn beide Wirklichkeiten sein dürfen - auch wenn sie sich widersprechen - kann es zu einer guten Lösung kommen. Es entsteht eine neue Wirklichkeit - die gemeinsame Wirklichkeit, mit der man auf das Problem schauen kann. Wie kann man zu einer Lösung kommen, die beide Wirklichkeiten beinhaltet? Es gibt diese Lösung immer. Sie gerät nur so leicht aus dem Blick.

Es ist egal, wem es gelingt, den ersten Schritt zu machen - im Konflikt ganz beim Anderen und seiner Wahrnehmung zu bleiben, und dabei alle Gefühle und Gedanken zu halten, die in ihm auftauchen - ohne den anderen unterbrechen zu wollen. Das ist keine einfache Übung, vor allem, wenn die Emotionen hoch gehen, und viel Vorwurf vom Anderen kommt. Gerade dann neigt man dazu dem Anderen nach jedem Halbsatz ins Wort fallen zu wollen. Gerade dann hat man das Gefühl es gar nicht auszuhalten still zu halten - und zuzuhören.

Doch gerade dann ist es wichtig.

Unsere verletzliche Seite zeigen

Wenn unser Gegenüber uns einen Vorwurf macht oder wir unserem Gegenüber sind wir in Wahrheit nie in Kontakt und in Beziehung mit unseren wirklichen Gefühlen und auch nicht mit dem Gegenüber. Wir versuchen uns im Konflikt in der Wut möglichst groß oder in der Depression möglichst klein zu machen und unsere verletzliche Seite nicht zu zeigen. Doch sie ist die Einzige, die zur Lösung führt.

Wer den Mut hat, im Konflikt den Weg des Zuhörens zu gehen wird merken, daß er im Zuhören und Halten der eigenen Gedanken und Gefühle zu seinen eigenen wirklichen Gefühlen Zugang bekommt. Wut oder Depression treten dann in den Hintergrund. Wir kommen zu Traurigkeit und Schmerz, die hinter der Wut oder der Depression stehen.

Denn das Aussetzen des Agierens bringt uns in Kontakt mit uns selbst - mit dem was wir selber spüren und bringt uns selber in die Klarheit. In Beziehung mit uns selbst.

Und wer in Beziehung mit sich selbst ist, kann sich gleichzeitig zeigen und den anderen sehen. Damit endet jeder Konflikt.

Wer den Mut hat, sich mit diesen Gefühlen zu zeigen, mit seinen Bedürfnissen und Ängsten, der macht sich für den anderen sichtbar. Erst wenn die Bedürfnisse und Ängste beider sichtbar werden, wird der Zugang zur neuen Wirklichkeit, die die Sichtweise beider beinhaltet möglich.

Wenn wir sehen und gesehen werden, kommt Friede, und der Kampf hört auf.

Ein scheinbares Paradox

In der Sicht der Achtsamkeit definiert sich das Verlangen gesehen zu werden nicht als Anspruch an den anderen, sondern als eine Möglichkeit aktiv in Beziehung zu gehen, indem ich den Anderen sehe.

Gesehen zu werden ist bei jedem Menschen das vordringlichste Bedürfnis - es ist der Schlüssel zur so lebensnotwendigen Zugehörigkeit.

Wenn wir verletzt sind, wird ein kindlicher Anteil in uns angesprochen, der gesehen werden möchte. Daher fühlen wir uns auch oft so ohnmächtig im Konflikt. So ohnmächtig wie ein Kind. In der Ohnmacht des Kindes sind wir immer im Anspruch