Warum die Wut gut ist

Die Wut führt, wie so viele sogenannte schwierige Gefühle ein Schattendasein im Bereich der Gefühle, die wir weder fühlen, noch zeigen wollen.

Warum die Wut gut ist I Achtsamkeit Blog

Und wie bei jedem Gefühl kann ich auch bei der Wut sagen, leider zu Unrecht. Denn jedes Gefühl ist konstruktiv - so auch die Wut. Sie schützt mich. Sie zeigt an, dass meine Grenze verletzt ist. Und das ist gut. Würde nichts in mir anzeigen, dass meine Grenze verletzt ist, dann ginge es mir in meinem Leben gar nicht gut.


Ich brauche die Fähigkeit, mich gut abgrenzen zu können, sonst kann ich mich in Beziehung nicht sicher fühlen und daher auch nicht loslassen und mich entspannen.


Wenn die Wut also gut ist, warum wird sie dann als so problematisch empfunden? Dieses Empfinden hat seine Wurzel in der Beziehung, die ich zu diesem Gefühl habe.


Meine Beziehung zur Wut


Welche Beziehung ich zur Wut habe, hat viel damit zu tun, welche Beziehung ich zu mir selbst habe und wie selbstverständlich ich für mich einstehen kann, wenn ich verletzt werde oder meine Bedürfnisse nicht gesehen werden. Wenn es darin wenig positives Selbstverständnis gibt, dann schaut die Wut ungefähr so aus:


Ich fühle mich ohnmächtig. Es wird ganz eng in mir. Ich will die Wut nicht spüren und drück sie runter. In diesem Gefühl stehe ich enorm unter Spannung, die Wut wird größer und irgendwann halte ich diese Spannung nicht mehr aus. Dann ist die Energie so groß, dass ich sie nicht mehr halten kann. Ich kann sie nicht mehr kontrollieren - so entlädt sich die Wut unkontrolliert - ich konnte mich nicht mehr anders wehren. In dieser Wut richte ich mich mit ihrer ganzen angestauten Energie, mit Wertung und Urteil "gegen" den oder die anderen, um mir wieder Raum zu verschaffen.


In dieser Form ist die Wut ein destruktiver Ausdruck von Hilflosigkeit, durch den ich andere Menschen verletze. Nach der Wut kommt dann oft die Scham. Die Scham über mich selbst und wie mich jetzt die anderen sehen. Die Scham darüber, in der Wut Dinge gesagt zu haben, die mir dann leidtun.


Ich hatte in dem Moment nicht das Gefühl von Wut, sondern die Wut hatte mich.


Warum ich die Wut nicht mag


Es gibt zwei wesentliche Ursachen dafür, die Wut nicht zu mögen.


A) Ich kann einen Elternteil gehabt haben, der oft genau in der Art wütend war, wie ich das gerade beschrieben habe. Dann hatte ich als Kind einfach nur Angst. Diese Wut löst in mir als Kind ein Gefühl der Ohnmacht aus. Ich ziehe dann meinen Kopf ein und versuche mich zu schützen. Selber wütend zu werden, wäre in der Situation als Kind viel zu gefährlich. Ich bin viel zu schwach.


So spalte ich das Gefühl der Wut in mir ab. Die Wut wird in mir absolut tabu. Ich will dann in meinem Leben nie wütend werden, weil ich niemandem Angst machen will. Diese komplette Unterdrückung der Wut führt mit der Zeit leider oft in die Depression und Resignation. Dass die Wut irgendeine positive Seite haben kann, das kann ich mir aus der Position gar nicht vorstellen.


B) Die zweite wesentliche Ursache ist - ich werde als Kind wütend, wenn meine Bedürfnisse nicht gesehen werden oder meine Grenzen verletzt werden. Und dann kommt als Reaktion meiner Eltern statt Verständnis Ignoranz und oft ein Urteil über die Wut. Wenn ich wütend bin, reden sie nicht mit mir, dann wenden sie sich ab, schicken mich weg oder reagieren ebenfalls mit Wut. So entsteht beim Gefühl der Wut in mir als Kind Scham und schlechtes Gewissen. Ich merke, ich darf nicht dazu gehören, wenn ich wütend werde. Die Wut wird also auch in dieser Variante ein Gefühl, das ich unterdrücken muss, um in der Familie zugehörig zu bleiben.


Doch leider ist es so: Jedes Gefühl, das eine wichtige Botschaft hat und mich schützen will, wird größer und lauter, wenn ich es unterdrücke. Es sagt, "Achtung Gefahr!", ich will es nicht hören - also muss es lauter werden. Denn die Gefahr ist ja nicht weg. Genau dieser Mechanismus führt in die Eskalation, in die Destruktivität und in den Selbstkonflikt. Denn die unterdrückte Wut baut so viel Spannung auf, dass sie sich zwangsläufig destruktiv entladen muss.


Wo ist das Positive an der Wut?


Das Positive an der Wut ist ihre Botschaft: "Achtung, da geht jemand nicht gut um mit dir. Wir müssen uns schützen." Gelingt es mir, die Botschaft zu verstehen, statt mir zu denken - "Oh je - jetzt nur nicht wütend werden....", dann kann ich die Wut für mich nutzen. Dann kann ich sie als Freund sehen und als Beschützer. Ich kann erkennen, die Wut sagt mir, dass ich jetzt für mich einstehen muss.


Aus dieser Haltung sage ich in der Situation dann vielleicht etwas wie: "Puh, ich spüre, das, was du jetzt getan oder gesagt hast, da kommt ganz schön Wut in mir auf. Das verletzt mich. Da tut mir etwas gar nicht gut."


Diese Botschaft richtet sich nicht "gegen" den anderen. Wenn ich das sage, trete ich "für mich" ein. Und das ist ein riesiger Unterschied. Diese Art mit der Wut umzugehen, bringt mich nicht mit mir in Konflikt und sie bewahrt mich vor der Eskalation mit meinem Gegenüber. Ich bleibe auf einer guten Beziehungsebene.


Im besten Fall kann ich also mit gutem Gewissen dazu stehen, dass mich jetzt offensichtlich gerade etwas verletzt hat. Ich muss dafür nicht mal wissen, was es war. Genau dieser Vorgang ist gelungene Abgrenzung. Zu mir zu stehen, wenn mich etwas verletzt und mal Stopp zu sagen.


Wenn ich die Wut so wahrnehme, dieses Gefühl zulasse und ausdrücke, dann wird die Wut schnell kleiner. Denn ihre Botschaft ist dann angekommen. Sie wurde ernst genommen.


Ich bin an diesem Punkt weit davon entfernt zu explodieren. Denn die Wut musste keinen Druck aufbauen.


Ein Satz noch zum Thema "mit gutem Gewissen zu mir stehen." Das Gewissen ist die Instanz in uns, die anzeigt, wenn wir unsere Zugehörigkeit riskieren. Das ist in der Kindheit ein Riesenthema, weil ich von meiner Familie abhängig bin. Erwachsen zu werden heißt auf dieser Ebene: Wenn ich zu mir stehen kann, auch wenn es meine Zugehörigkeit zu jemand anderem gefährdet, dann stelle ich die Zugehörigkeit zu mir selbst über die Zugehörigkeit zu anderen, die mit mir nicht gut umgehen.


Erwachsen zu sein heißt also, ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, wenn ich zulasse, dass jemand mit mir nicht gut umgeht.


Alle Gefühle sein lassen


Es ist eine Grundhaltung der Achtsamkeit, alle Gefühle in mir sein zu lassen, sie anzunehmen und zu fühlen. In dieser Haltung liegt die Anerkennung, dass jedes Gefühl in mir eine Berechtigung hat und dass alle sogenannten schwierigen Gefühle meinem Schutz dienen.


Je besser meine Beziehung zu meinen schwierigen Gefühlen ist, desto besser ist meine Selbstbeziehung. Lerne ich Gefühle wie die Wut oder die Angst in der Weise anzunehmen und mit gutem Gewissen zu meinen Gefühlen zu stehen, dann löst sich ganz viel Konflikt auf, den ich mit mir selbst habe und ganz viel Eskalation im Konflikt mit anderen verschwindet dabei gleich mit.


Es ist keine einfache Übung, schwierige Gefühle zuzulassen und sich mit ihnen zu zeigen, aber eine sehr lohnenswerte.


Wer sich in der Beschreibung der Eskalation der Wut oder in der Beschreibung der Abspaltung von der Wut wiedererkannt hat, den lade ich ein, folgende Achtsamkeitsübung zu machen, um als ersten Schritt mal zu schauen, welche Beziehung ich eigentlich zur Wut habe.

 

Übung:


Gehe bewusst mit Situationen aus deiner unmittelbaren Vergangenheit in Kontakt und schaue darauf, wie du in ihnen mit der Wut in dir in Beziehung warst. Mache dir Notizen, das hilft, die Zusammenhänge ins Bewusstsein zu bringen. Nur das, was wir im Bewusstsein haben, das können wir auch bewusst regulieren.


Wie hast du in den Situationen die Wut im Körper wahrgenommen? Wie hat sich im Verlauf des Konflikts das Körpergefühl verändert?